Mit der Eroberung Babylons durch Kyros II. begann der Aufstieg des persischen Weltreichs.  Auch die in Mesopotamien und Palästina lebenden Juden wurden Teil dieses Reiches, unter ihnen: Nehemia. Als Mundschenk des Königs Artaxerxes I. spielte er eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau Jerusalems – und kann uns zeigen, wie man siegreich im Glauben lebt.

Die Geschichte Nehemias ist eine Abfolge von Konflikten und Widerständen. Von dem Zeitpunkt an, da Nehemia durch seinen König die Erlaubnis erhielt, nach Jerusalem reisen und die königlichen Materialien für den Bau der Stadtmauer verwenden zu dürfen, gab es Widerstand. Sanballat, der Horoniter und Statthalter von Samaria, und Tobija, seinerseits wahrscheinlich Statthalter der Region östlich des Jordans, waren mit den Plänen Nehemias nicht einverstanden (Nehemia 2,10; im Folgenden abgekürzt „Neh“), da sie befürchten mussten, ihren Einfluss in der Region zu verlieren. Zusammen mit dem Araber Geschem, einem Machthaber, der arabische Stämme kontrollierte, die vom Nordosten Ägyptens bis in den Süden Palästinas siedelten, begegneten sie Nehemia mit Hohn und Spott (Neh 2,19; 3,33). Als sie die Fortschritte des Baus bemerkten, „wurden sie sehr zornig und verschworen sich alle miteinander hinzuziehen, um gegen Jerusalem zu streiten“ (Neh 4,1f.). Nun musste Nehemia nicht nur gegen eine echte Bedrohung kämpfen, sondern auch gegen die Resignation und Furcht seiner eigenen Leute (Neh 4,4.8). Er musste sich mit den Beschwerden der Armen auseinandersetzen (Neh 5,1-13), zahlreichen Fallen seiner Feinde entgehen (Neh 6,1-9) und nicht zuletzt falschen Propheten begegnen, die ihn abschrecken wollten (Neh 6,10-14). Selbst nachdem der Mauerbau vollendet war, blieb eine Menge Arbeit übrig. Das Volk musste an das Gesetz Gottes erinnert (Neh 8) und immer wieder ermahnt werden, es auch zu halten (Neh 13). In all diesen Konflikten blieb Nehemia letztlich siegreich. Was war das Geheimnis seines Erfolges?

Kämpfen für das richtige Ziel

Nehemia besaß als Mundschenk des persischen Königs Artaxerxes I. ein Amt mit hoher Verantwortung. Er war nicht nur für die Getränkeauswahl des Königs zuständig, sondern diente auch als dessen Vorkoster. Dementsprechend wurden für ein solches Amt nur besonders vertrauenswürdige Leute ausgesucht, die dem Herrscher dann auch recht nahestanden. Wir können dem biblischen Bericht entnehmen, dass es Nehemia am persischen Hof sehr gut ging und sein Verhältnis zu Artaxerxes jedenfalls so freundlich war, wie es zwischen einem König und seinen Bediensteten möglich ist. Nehemia hatte also wenig Veranlassung, sich zu beklagen oder sich eine Veränderung seiner Situation zu wünschen. Er hätte vielmehr seine Position ausnutzen können, um seine eigene Karriere zu verfolgen (wer wissen möchte, wie an Königshöfen intrigiert wurde, der lese einmal die Berichte in den Büchern Daniel oder Esther).

Doch Nehemia gab sich nicht damit zufrieden, dass es ihm persönlich gut ging. Seine Gedanken drehten sich vielmehr um das Schicksal des Volkes Gottes. „Da kam Hanani, einer meiner Brüder, mit einigen Männern aus Juda. Und ich fragte sie, wie es den Juden ginge, den Entronnenen, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren, und wie es Jerusalem ginge“ (Neh 1,2). Bezeichnend: Nehemia identifiziert sich voll und ganz mit den verschleppten Juden. Hanani nennt er seinen Bruder, und er bekennt die Sünden, „die wir an dir getan haben“ (Neh 1,6). Dass das Volk Gottes „in großem Unglück und in Schmach“ (Neh 1,3) lebt, kann Nehemia nicht verkraften. „Als ich aber diese Worte hörte, setzte ich mich nieder und weinte und trug Leid tagelang“ (Neh 1,4).

Diese Identifizierung Nehemias mit dem Volk Gottes ist vorbildhaft auch für Gläubige, die zum Leib Christi, zur Gemeinde, gehören. Die Bibel betont mehrfach die Einheit des Volkes Gottes (vgl. etwa 1. Korinther 12 oder Epheser 4) und ruft uns auf, Anteil an dem Schicksal unserer Geschwister zu nehmen. „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“, fordert Paulus in Römer 12,15 und stellt fest: „Wenn ein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit, und wenn ein Teil geehrt wird, ist das auch für alle anderen ein Anlass zur Freude“ (1. Korinther 12,26, NGÜ). Diese Art der Verbundenheit mit dem Schicksal des Volkes Gottes lebt uns Nehemia vor. Und er leidet nicht nur mit, er gibt seine sehr komfortable Lebenssituation auf, um den Kampf mit den Feinden Gottes aufzunehmen. Nehemia war jemand, der „für die Israeliten Gutes suchte“ (Neh 2,10). So sollten wir auch zu Menschen werden, die statt für uns selbst für das Volk Gottes und Seine Gemeinde Gutes suchen. Jesus verspricht solchen Menschen, denen es zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit geht, dass ihnen alles Übrige dazugegeben wird (Matthäus 6,33). Nehemia würde das bestätigen.

Kämpfen aus der richtigen Kraft

Petrus nennt in seinem erstem Brief (4,10f.) zwei wichtige Kriterien für den Dienst eines Christen: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat (…) aus der Kraft, die Gott gewährt“. Es gilt also zwei Gefahren zu vermeiden: an einer Stelle zu arbeiten, für die man keine Begabung besitzt und den im Grunde noch gefährlicheren, weil schwerer erkenntlichen Fehler: ohne die Kraft Gottes vor sich hin zu werkeln. Nehemia, das macht sein Bericht sehr deutlich, konzentriert sich bei dem Projekt „Aufbau Jerusalems“ auf seine Stärken. Er inspiziert die Problemstellen, entwickelt einen Plan zu deren Beseitigung, teilt Mitarbeiter ein, überwacht die Ausführung und motiviert die Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten. Er arbeitet also „mit der Gabe, die er empfangen hat“. Noch wichtiger aber ist die Feststellung, dass Nehemia seine Kraft aus der richtigen Quelle schöpft. Was tut Nehemia, als ihm die schlimme Lage Jerusalems geschildert wird? Er weint nicht nur, sondern „fastete und betete vor dem Gott des Himmels“ (Neh 1,4). Nehemias Plan, nach Jerusalem gehen zu wollen, reift im Gebet. Und das gilt nicht nur für den Plan, sondern auch für dessen Umsetzung. Das Gespräch Nehemias mit Artaxerxes enthält dabei ein besonders schönes Beispiel eines „Stoßgebets“. Nehemia berichtet uns zunächst von der großen Furcht, die er empfand, als er von dem Beherrscher des persischen Großreichs auf sein persönliches Befinden angesprochen wurde (Neh 2,2). Als der König die Erklärung Nehemias aufnimmt und ihn nach seinem Wunsch fragt (Neh 2,4), notiert Nehemia: „Da betete ich zu dem Gott des Himmels“, bevor er seine Antwort formuliert. Und er weiß auch genau, wem er den positiven Ausgang des Gespräches zu verdanken hat, wird doch sein Wunsch nur erfüllt, „weil die gnädige Hand meines Gottes über mir war“ (Neh 2,8).

Auch im weiteren Verlauf des Berichts wird immer wieder deutlich, dass Nehemia „aus der Kraft, die Gott gewährt“, arbeitet. Der Plan, die Mauern Jerusalem aufzubauen, ist nämlich keine spontane Idee Nehemias, sondern entspricht dem, „was mir mein Gott eingegeben hatte“ (Neh 2,12). Seine Antwort auf den Spott der Gegner lautet: „Der Gott des Himmels wird es uns gelingen lassen“ (Neh 2,20). Nehemias Reaktion auf Sanballats Drohen ist – ein Gebet: „Höre, unser Gott, wie verachtet sind wir! Lass ihren Hohn auf ihren Kopf kommen“ (Neh 3,36). Der Verschwörung der Feinde begegnet Nehemia – mit Gebet: „Wir aber beteten zu unserm Gott und stellten gegen sie Tag und Nacht Wachen auf zum Schutz vor ihnen“ (Neh 4,3). Als seine Mitstreiter von Furcht erfüllt werden, lautet sein Rat: „Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenkt an den Herrn, der groß und furchtbar ist, und streitet“ (Neh 4,8) – denn „unser Gott wird für uns streiten“ (Neh 4,14). Nehemia ist im Gebet derart mit Gott verbunden, dass er auf die List Schemajas nicht hereinfällt, „denn ich merkte, dass nicht Gott ihn gesandt hatte“ (Neh 6,12). Jesus beschreibt diesen Sachverhalt so: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27).

Es ließen sich noch zahlreiche weitere Beispiele anführen, die illustrieren, wie Nehemia aus der Kraft Gottes kämpft. Stattdessen sei zusammenfassend auf das wohl bekannteste Zitat Nehemias verwiesen (8,10): „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10). Hier sprach Nehemia aus Erfahrung.

Kämpfen nach den richtigen Regeln

Der Apostel Paulus trifft im Römerbrief eine tragische Aussage über das Volk Israel: „Ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht“ (Römer 10,2). Es ist schon bitter, wenn man für das Richtige einstehen will, aber nicht weiß, wie. Nehemia hatte da einen großen Vorteil: er war vertraut mit dem Wort Gottes, der Heiligen Schrift. Bereits in seinem ersten Gebet (Neh 1,5-11) zeigt sich, wie gut Nehemia die Geschichte des Volkes Gottes kennt und wie genau er Gottes Verheißungen wahrgenommen hat. Deswegen ist Nehemia klar, dass es mit dem Aufbau der Stadt nicht getan ist, sondern dass das Kernproblem behoben werden muss, wenn Gottes Volk eine Zukunft haben soll: die gestörte Beziehung des Volkes zu seinem Gott. Es ist kein Zufall, dass der Bericht Nehemias nicht mit der Vollendung des Mauerbaus und der Sicherung der Stadt endet, sondern vielmehr die geistliche Wiederherstellung des Volkes zum Thema macht. Beachtenswert ist auch, welche Schwerpunkte Nehemia bei dieser geistlichen Wiederherstellung setzt.

Er betont nicht etwa die Wiedereinführung der Opfer und anderer vorgeschriebener Zeremonien im Tempel (wobei er sich auch um den Tempeldienst kümmert, vgl. die Liste der Priester und Leviten in Neh 12,1-26, die Regelungen für die Abgaben in Neh 12,44-47 und die Beseitigung der Missstände in Neh 13,4-14), sondern etwas, das heute zumeist keine Rolle mehr spielt: die Beachtung des Gesetzes Gottes. Esra, der Schriftgelehrte, las aus dem Gesetz des Mose „vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen und wer es verstehen konnte“ (Neh 8,3). Weiter heißt es: „Und die Leviten (…) unterwiesen das Volk im Gesetz, und das Volk stand auf seinem Platz. Und sie legten das Buch des Gesetzes klar und verständlich aus, so dass man verstand, was gelesen worden war“ (Neh 8,7f.). Man stelle sich das vor: eine Gemeinde, die den gesamten Vormittag auf ihrem Platz steht, um das Gesetz Gottes zu hören! Heute gilt das Aufstehen für eine Lesung schon als unzumutbar, wenn mehr als wenige Verse gelesen werden – falls es dazu überhaupt noch kommt.

Selbstverständlich bleibt es nicht beim Vorlesen des Gesetzes. Nach einer wiederholten, diesmal dreistündigen Lesung aus dem Gesetz, folgt nicht nur ein Bußgebet (Neh 9), sondern die Verpflichtung des Volkes, sich an dieses Gesetz zu halten: „Und (…) alle, die sich von den Völkern der Länder abgesondert haben und sich zum Gesetz Gottes halten, (…) sollen sich (…) mit einem Eid verpflichten, zu wandeln im Gesetz Gottes“ (Neh 10,29f.). Und Nehemia meint das tatsächlich ernst. Alles fremde Volk wird aus Israel ausgeschieden, er setzt die Heiligung des Sabbats wieder durch und verbietet die Ehe mit ausländischen Frauen (alles Neh 13). Kurz: er hält sich an Gottes Regeln. So und nur so kann Gottes Volk erfolgreich sein. Leider gibt es heute Gemeinden, die Gottes Wort nicht mehr ernst nehmen und sich ihre eigenen Erfolgsregeln basteln. Da wird plötzlich gesegnet, was Gott ein Gräuel ist, da werden Leiter berufen, die Gottes Kriterien nicht entsprechen, da werden Management-Methoden und Marketing-Tricks eingesetzt, um „Wachstum“ zu erzielen. Diese Gemeinden sind dann zwangsläufig nicht mehr von ihrer Umgebung zu unterscheiden, weil sie ja auf deren Applaus setzen statt auf die Anerkennung Gottes. Sie sind eben nicht „von den Völkern der Länder abgesondert“, sondern ihnen gleich. Dabei haben sie oft wohlmeinende Motive und Eifer für Gott – aber ohne Erkenntnis.

Wer nun das Vorgehen Nehemias ebenfalls für „alttestamentlich“ hält, der lese die Ermahnung des Paulus an die Gemeinde in Korinth (2. Korinther 6,16-18): „Wir aber sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie denn Gott spricht: ‚Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.‘ Darum ‚geht aus von ihnen und sondert euch ab‘, spricht der Herr; ‚und rührt nichts Unreines an, so will ich euch annehmen und euer Vater sein und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein‘, spricht der allmächtige Herr“. Wer der Meinung ist, Gottes Regeln seien überholt und könnten von der Gemeinde nach Gutdünken übergangen werden, der sollte hören, was Jesus sagt (Matthäus 5,19): „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“.

Kämpfen mit freudigem Herz

Kämpfen nach den richtigen Regeln, Ruf zur Absonderung, solche Aufforderungen haben oft den Ruf, etwas freudlos zu wirken. Um diesem Eindruck entgegen zu wirken, sei auf eine letzte Kampfpraxis Nehemias hingewiesen: das freudige Herz. Dass er in der Freude am Herrn seine Stärke sah, ist bereits aufgezeigt worden. Sein Bericht zeigt aber auch, wie ansteckend diese Freude wirkte. In Neh 8,12 heißt es unmittelbar im Anschluss an die Lesung des Gesetzes (!): „Und alles Volk ging hin um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu machen; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte“. Kurz darauf wird das Laubhüttenfest gefeiert, und Nehemia notiert: „Es war eine sehr große Freude“ (Neh 8,17). Die Einweihung der Mauer wurde „mit Freuden“ gehalten (Neh 12,27) und es heißt, gleichsam zusammenfassend für das Ergebnis des Dienstes für Gott: „Und sie waren fröhlich, denn Gott hatte ihnen eine große Freude gemacht, so dass sich auch Frauen und Kinder freuten, und man hörte die Freude Jerusalems schon von Ferne“ (Neh 12,43). Mehr Freude geht nicht. Gottes Reich an die erste Stelle zu setzen, aus der Kraft Gottes zu kämpfen und seinen Regeln zu folgen ist ein garantiertes Erfolgsrezept. Wer wie Nehemia kämpft, dessen Freude sollte man auch „von ferne“ hören können.


#21 Ungewöhnliche Helden

#21 Ungewöhnliche Helden

Daniel Facius

Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus der neuen Ausgabe »#21 Ungewöhnliche Helden«. Das Heft ist ab Anfang Oktober 2015 erhältlich!