2017 wird ein besonderes Jahr. Es markiert den 500 Jahrestag der protestantischen Reformation. Eine der Hymnen, die von den Reformatoren und ihren Nachfolgern ertönte, bestand im Prinzip aus zwei Worten: sola Scriptura – allein die Schrift!

Die Heilige Schrift, Gottes Wort, war die einzige Grundlage, auf der die christliche Gemeinde stand. So wichtig Konzilien und die Lehren der Kirchenväter auch waren – die letzte Autorität hatte Gottes Wort allein.

Rein formell stimmt ein Großteil der Christenheit diesem Prinzip weiterhin zu. Doch nach meiner Beobachtung ist vielerorts nicht mehr viel vom sola Scriptura der Reformatoren übrig geblieben.

In Glaubensbekenntnissen bekennen wir uns vielleicht noch zur Bibel als unfehlbarem Gotteswort, doch in der Praxis kommt dieses Prinzip leider nicht genügend zum tragen. An folgenden Beobachtungen mache ich das fest:

  • Viele Christen lesen nicht mehr die ganze Bibel. Man gibt sich mit Auszügen zufrieden und/oder liest nur gewisse Lieblingsstellen.
  • Die Bibel wird nicht mehr in ihrer Gesamtheit gepredigt. Viele Gläubige, die regelmäßig eine Gemeinde besuchen, gehen in die Ewigkeit ein, ohne jemals eine Predigt aus bestimmten Bibelbüchern, wie 3. Mose, Richter oder dem Hohelied zu hören.
  • Die Bibel wird weniger auslegend gepredigt. Anstatt, dass man fragt: Was hat Gott uns in Seinem Wort zu sagen fragt man: Was „braucht“ die Gemeinde?, was ist gerade „dran“? Themenpredigten oder Sprungbrettpredigten sind in einem solchen Fall die Regel und nicht die Ausnahme. Das Thema gibt dem Bibeltext vor, anstatt dass der Bibeltext das Thema vorgibt.
  • Die Predigt steht nicht im Zentrum des Gottesdienstes, sondern ist lediglich ein Bestandteil von vielen Aspekten, den man zur Not auch ausfallen lassen kann, wenn das Vorprogramm mal wieder zu lange dauert.
  • Der Maßstab für einen Prediger ist nicht besonders hoch. Die Frage nach der Berufung des Predigers scheint zweitrangig zu sein (Hauptsache, es steht überhaupt jemand vorne).
  • Eine gründliche Kenntnis der biblischen Sprachen (Hebräisch, Aramäisch und Griechisch) sowie eine Vertrautheit mit der Bibel hat oftmals nicht mehr Priorität bei der Wahl eines Pastors; es werden eher die Fähigkeiten eines Managers, Therapeuten oder Entertainers geschätzt und gesucht.
  • Der angemessene Ort für gründliches Bibelstudium wird in theologischen Ausbildungsstätten gesehen und nicht in der Gemeinde.
  • In der Seelsorge wird eher auf weltliche Methoden als auf die Kraft des Wortes Gottes vertraut.

Ich würde mir wünschen, dass wir in unseren Gemeinden mehr und mehr zurückkehren würden zum Vertrauen in die Schrift, die für die Reformatoren so bezeichnend war.


Andreas Münch (*1982) ist Ehemann, Vater eines Sohnes, Pastor der MBG Lage und Autor des vielbeachteten Buches ›Der wahre Gott der Bibel‹. Auf Twitter unter @AndreasMuench.

Dieser Beitrag wurde exklusiv für Timotheus Online verfasst.

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