Die Welt sollte mit zunehmender Deutlichkeit erkennen, dass der Evangelikalismus mit dem Calvinismus steht oder fällt. —Benjamin Breckinridge Warfield

Warum der Evangelikalismus den Calvinismus braucht

»Die Welt sollte mit zunehmender Deutlichkeit erkennen, dass der Evangelikalismus mit dem Calvinismus steht oder fällt.« Diese Worte schrieb der bedeutende Theologe Benjamin Breckinridge Warfield vor über einem Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatte der Calvinismus noch einen großen Einfluss auf den Evangelikalismus,  definierte seine Theologie, prägte sein geistliches Leben und verdeutlichte seinen Auftrag. Dies ist nicht mehr so wie früher. Man ist zunehmend der Ansicht, dass sich der Calvinismus klar vom Evangelikalismus unterscheidet, und während viele Calvinisten sich weiterhin als evangelikal betrachten, stehen die meisten Evangelikalen dem Calvinismus skeptisch gegenüber. Auf dem ersten Blick scheint Warfields Behauptung daher übertrieben und offenbar falsch. Dass sie in der heutigen Gemeinde eine breite Akzeptanz finden würde, ist zweifelhaft. Was hat Calvinismus mit Evangelikalismus zu tun? Und warum sollte das Leben der evangelikalen Gemeinde in irgendeiner Weise von calvinistischer Theologie abhängen? Auch wenn es überraschen mag: Was Warfield behauptet, liefert die These dieses Buches: Der Evangelikalismus steht oder fällt mit dem Calvinismus. Oder weniger provokativ ausgedrückt: Der Evangelikalismus braucht den Calvinismus. Das wird deutlicher, wenn man die Etiketten entfernt. Mit »Evangelikalismus« meinte Warfield im Wesentlichen, was die deutschen Lutheraner mit dem Begriff »evangelisch« ausdrückten, als sie diese Bezeichnung während der Reformation zu verwenden begannen: eine Gemeinde, die auf dem Evangelium gegründet ist, auf der frohen Botschaft des Heils durch Christi Tod und Auferstehung. Und wenn Warfield von »Calvinismus« sprach, meinte er damit die protestantische Reformation und ihren Nachdruck auf Rechtfertigung allein aus Gnade, allein durch Glauben und allein durch Christus. Noch einfacher ausgedrückt: Evangelikalismus steht für das Evangelium und Calvinismus für Gnade. Somit sagte Warfield etwas, das jeder Christ glauben sollte und glauben muss: Das Evangelium steht oder fällt mit der Gnade. Wie Warfield erkannte, ist das Evangelium nicht wirklich das Evangelium, wenn es nicht ein Evangelium der Gnade ist. Mit anderen Worten: Das Evangelium ist nur die frohe Botschaft, wenn es verkündet, was Gott zur Errettung von Sündern getan hat. Und wenn das wahr ist, dann steht oder fällt das Evangelium mit den Lehren der Gnade.

Die Gnadenlehren

Der Begriff »Gnadenlehren« steht für fünf verschiedene biblische Lehren, die man als Antwort auf jene Theologie formulierte, die sich im späten 16. Jahrhundert in Holland entwickelte. Diese Theologie ist mit dem Namen Jakobus Arminius (1560–1609) verbunden. Arminius und seine Anhänger betonten den freien und somit selbstbestimmenden Willen des Menschen, was sie anhand eines logischen Denkprozesses dazu führte, Johannes Calvins (1509 –1564) strikte Prädestinationslehre abzustreiten, und insbesondere seine Lehre, dass Jesus nur für die von Gott Erwählten starb. Um auf die theologischen Abweichungen der Arminianer zu reagieren, wurde die Synode von Dordrecht (1618–1619) einberufen. So entstand die Lehrregel von Dordrecht, die klassische Zusammenfassung der fünf Gnadenlehren. Sie ist heute bekannt unter dem Akronym »Tulip« (engl. »Tulpe«), das aus den Anfangsbuchstaben der »fünf Punkte des Calvinismus« gebildet ist. Die einzelnen Buchstaben von Tulip stehen für die Anfangsbuchstaben der Gnadenlehren: Total depravity, Unconditional election, Limited atonement, Irresistible grace und Perseverance of the saints – völlige Verdorbenheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Sühne, unwiderstehliche Gnade und das Ausharren der Heiligen. Dies sind leider nicht die klügsten oder präzisesten Bezeichnungen für diese Lehren, aber sie sind am weitesten verbreitet, und Tulip ist eine praktische Erinnerungshilfe. Diese Lehren sind so wichtig, weil sie jegliches Vertrauen auf etwaiges geistlich Gutes im Menschen korrigieren und stattdessen das Vertrauen allein auf Gottes Willen und Macht richten. Obwohl diese Lehren den reinsten Calvinismus repräsentieren, stammen sie weder von Calvin selbst, noch charakterisieren sie ein spezielles Gedankengut Calvins aus der Reformationszeit. Diese Wahrheiten finden wir in den alttestamentlichen Psalmen. Jesus selbst lehrte sie, sogar gegenüber seinen Feinden, wie in Johannes 6 und 10 und an anderer Stelle ersichtlich ist. Der Apostel Paulus bestätigte sie unter anderem in seinen Briefen an die Römer und Epheser.


5 Punkte Schaubild-01

Die Lehren der Gnade. Im englischsprachigen Raum wird oft die Abkürzung »TULIP« verwendet um die Lehren der Gnade zu verdeutlichen.

  1. Radikale Verdorbenheit
  2. Bedingungslose Erwählung
  3. Persönliche Sühne
  4. Wirksame Gnade
  5. Bewahrende Gnade

Augustinus trat für dieselben Wahrheiten gegenüber Pelagius ein, der sie ablehnte. Martin Luther war in vielerlei Hinsicht ein Calvinist (ebenso wie Calvin in wichtigen Aspekten ein Lutheraner war). Dasselbe galt auch für Ulrich Zwingli und William Tyndale. Aus diesem Grund ist es möglicherweise präziser, von einer »reformatorischen« statt einer »calvinistischen« Theologie zu sprechen. Auch die Puritaner waren reformierte Theologen, und durch ihre Lehren erlebten England und Schottland einige der größten und weitreichendsten landesweiten Erweckungen, die die Welt je gesehen hat. Zu diesen Puritanern zählten die Erben des schottischen Reformators John Knox: Thomas Cartwright, Richard Sibbes, John Owen, John Bunyan, Matthew Henry, Thomas Boston und viele andere. In Amerika wurden viele Tausend von Jonathan Edwards, Cotton Mather und George Whitefield beeinflusst – sie alle waren Calvinisten. In der Neuzeit empfing die Missionsbewegung ihre Prägung und anfänglichen Impulse von Gläubigen, die in der reformatorischen Tradition standen.

Diese Lehren sind so wichtig, weil sie jegliches Vertrauen auf etwaiges geistlich Gutes im Menschen korrigieren und stattdessen das Vertrauen allein auf Gottes Willen und Macht richten.

Die Liste dieser Pioniere enthält solch bedeutende Missionare wie William Carey, John Ryland, Henry Martyn, Robert Moffat, David Livingstone, John G. Paton und John R. Mott. Für all diese Männer waren die Gnadenlehren mehr als ein Anhängsel des christlichen Gedankenguts; vielmehr waren sie die zentralen Lehren, die ihre evangelistischen Aktivitäten anfachten und ihre Evangeliumspredigt prägten. Kurz gesagt, die als Calvinismus bekannten Lehren entstanden nicht zu einem späten Zeitpunkt in der Kirchengeschichte, sondern hatten ihren Ursprung bereits in den Lehren Jesu, die in der Gemeinde über viele Jahrhunderte bewahrt wurden und die in großen Glaubens- und Erweckungszeiten charakteristisch waren. Daraus folgt, dass die Gemeinde erneut bessere Tage erleben wird, wenn diese Wahrheiten weithin freimütig verkündet werden. Wenn das wahr ist, wird heute nichts dringender benötigt als eine Wiederentdeckung genau dieser fünf Lehren: Völlige Verdorbenheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Sühne, unwiderstehliche Gnade und das Ausharren der Heiligen (oder wie sie in diesem Buch exakter bezeichnet werden: radikale Verdorbenheit, bedingungslose Erwählung, persönliche Sühne, wirksame Gnade und heilsbewahrende Gnade.) In bedeutenden glorreichen Zeiten der Gemeinde standen diese Gnadenlehren im Zentrum des Denkens der Gläubigen.


James Montgomery Boice & Philip Graham Ryken Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus dem Buch »Die Lehren der Gnade«. Er wurde in dieser Form in der Ausgabe »#13 Gnade« veröffentlicht. Das Heft ist mittlerweile vergriffen.

AboFooter-01

Vielen Dank für dein Interesse. Unsere Arbeit kannst du durch ein Abo bestmöglich unterstützten!