Kaum eine christliche Publikation hat in der letzten Zeit eine solche Aufmerksamkeit erfahren wie Eric Metaxas’ Biografie über Dietrich Bonhoeffer. Das Buch »Bonhoeffer – Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet« des New Yorker Autoren Metaxas war und ist besonders in den USA erfolgreich und landete prompt auf der New York Times Bestsellerliste. Nicht nur die breite amerikanische Masse entdeckte das Buch für sich. Sogar viele evangelikale (und reformatorische) Wortführer können sich für diese Biografie und die Theologie und Person Bonhoeffers begeistern. Doch wie evangelikal war Bonhoeffer eigentlich?

Albert Mohler empfiehlt das Buch besonders für Pastoren. Bekannte Blogger und Autoren wie Tim Challies und Colin Hansen besprachen das Buch äußerst positiv. Die erste Auflage der deutschen Ausgabe (herausgegeben vom evangelikalen Verlag SCM Hänssler) war schnell vergriffen und zur Präsentation der deutschen Übersetzung kam kein Geringerer als der CDU-Politiker Volker Kauder. Die breite Akzeptanz des Buches sowohl auf dem säkularen Markt als auch bei konservativ-evangelikalen Medien lässt aufhorchen und veranlasst, das Buch genauer unter die Lupe zu nehmen.

Metaxas: »Bonhoeffer – Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet«

Zunächst muss erwähnt werden, dass Bonhoeffer zu jenen Personen der Kirchengeschichte gehört, auf die sich (fast) jeder einigen kann. Nicht nur Katholiken, Evangelische und Evangelikale, sondern auch jene, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun haben, bringen dem »Märtyrer Bonhoeffer« Hochachtung entgegen. Auch meine Wenigkeit ist von der ohne Zweifel eindrucksvollen Person Dietrich Bonhoeffer fasziniert. Wie kann man auch keine Sympathien für einen jungen Mann pflegen, der für seine Überzeugungen in einer äußerst schwierigen Zeit eintrat und für sie starb? Doch trotz allem sollte ein kritischer und differenzierter Blick auf Bonhoeffer und speziell auf die Biografie Metaxas’ erlaubt sein.

Dieses Buch eignet sich wohl äußerst gut, um sich einen Überblick von Bonhoeffers Leben zu verschaffen.

Diese Biografie ist eines jener Bücher, die sich sehr leicht lesen lassen. In diesem Zusammenhang ist es äußerst erstaunlich, denn Metaxas hat nicht nur den breiten historischen Kontext und damit viele Fakten von Bonhoeffers Leben berücksichtigt, sondern hat auch ein sehr intimes und genaues Bild von Dietrich Bonhoeffer gezeichnet. Gerade der historische Kontext war hier äußerst wichtig, denn ohne ihn kann man Bonhoeffers Leben und Werk nur bruchstückhaft verstehen. Sowohl breite Zusammenhänge zum zweiten Weltkrieg als auch intime Briefe zwischen Dietrich und seiner späteren Verlobten Maria wurden hier geschickt verbunden und lassen einen ganz nah bei Pastor Bonhoeffer sein. Dieses Buch eignet sich wohl äußerst gut, um sich einen Überblick von Bonhoeffers Leben zu verschaffen. Insofern kann ich mich Tim Challies anschließen, wenn er schreibt (2010): » … es ist wahrscheinlich die beste Biografie, die du dieses Jahr lesen wirst.«

Doch nun kommt das große »Aber«. Eric Metaxas präsentiert und interpretiert Bonhoeffer als einen evangelikalen Christen ganz im Sinne des Neuen Testaments. Dass das beim christlichen Amerikaner besonders gut ankommt, steht außer Frage. Bei vielen Bonhoeffer-Experten hat es eher ein Stirnrunzeln hervorgerufen. Auch Tim Challies korrigierte später seine euphorische Rezension und sprach vom »entführten Bonhoeffer«. Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass Metaxas’ Überzeugungen von Bonhoeffer regelrecht konstruiert und frei interpretiert sind. Dabei zitiert er oftmals aus dem Werk Bonhoeffers und fügt dann eine Art »evangelikalenfreundliche Auslegung« an. Metaxas spricht davon, dass sich Bonhoeffer bekehrt habe und ab einem bestimmten Zeitpunkt dem Glauben mehr zugetan gewesen sei als vorher. In Interviews beteuert Eric Metaxas, dass Bonhoeffer ein »wiedergeborener Christ« gewesen sei. Ein eindeutiges Zeugnis dafür fehlt allerdings. Nicht nur die zweifelhafte Interpretation Metaxas’, sondern auch die Theologie Bonhoeffers mutet zum Teil recht seltsam an: »Solange Christus und die Welt als zwei aneinanderstoßende, und einander abstoßende Räume gedacht werden, bleiben dem Menschen nur folgende Möglichkeiten: unter dem Verzicht auf das Wirklichkeitsganze stellt er sich in einen der beiden Räume, er will Christus ohne die Welt oder die Welt ohne Christus. In beiden Fällen betrügt er sich selbst …« (S. 585). Auch andere Dinge, wie Bonhoeffers großer Wunsch bei Mahatma Gandhi in die Schule zu gehen, um die Anwendung der Bergpredigt zu lernen, lässt aufhorchen. Viele zweifelhafte (Lehr)Aussagen Bonhoeffers wurden zudem nicht berücksichtigt, die ihn vielleicht weniger evangelikal erscheinen lassen würden.

Die Aussage Bonhoeffers gegen Ende seines Lebens, er trage das Erbe der liberalen Theologie in sich, bleibt unerwähnt.

So finden wir nichts von seinen Vorlieben für den Bibelkritiker Rudolf Bultmann (»Entmythologisierung der Bibel«), seine Zweifel an der jungfräulichen Empfängnis Marias oder Aussagen man solle so leben als gäbe es keinen Gott. Auch die Aussage Bonhoeffers gegen Ende seines Lebens, er trage das Erbe der liberalen Theologie in sich, bleibt unerwähnt (Richard Weikert, California State University). Zudem muss die Frage erlaubt sein, inwiefern es gerechtfertigt ist, als Christusnachfolger einen Mordkomplott gegen einen Menschen (sei es auch einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte) zu planen und auszuführen. Trotz meiner Hochachtung für den Mut der Widerstandsbewegung, habe ich meine Zweifel an einer biblischen Rechtfertigung des Ganzen.

Sicher, ich bin kein ausgewiesener Bonhoeffer-Experte und wage daher auch keine abschließende Wertung und Analyse des Werkes Bonhoeffers. Meine Perspektive ist die eines Laien und Hobby-Historikers – in allen Belangen. Doch bereits dem unbefangenen Leser dieser Biografie, werden einige »Konstruktionen« Metaxas nicht »koscher« vorkommen. Das Buch muss differenziert betrachtet werden und auf einer gewissen Ebene ist dieses Werk äußerst positiv zu bewerten. Es bleibt jedoch die Erkenntnis, dass Bonhoeffer weit weniger fromm, orthodox und »evangelikal« war, wie Eric Metaxas uns glauben machen will. Ich schließe mich dem christlichen Pressespiegel »Zeltmacher« an, der schrieb: »Unser Eindruck ist zwiegespalten. Bonhoeffer war nachweislich schwankend in seinen Aussagen und sicher von der liberalen Theologie beeinflusst. Für ihn spricht jedoch, dass er sich in Wort und Tat stets gegen das Unrecht gestellt hat … Gerade die praktische Ausrichtung seiner Theologie im Feuerofen selbst erlittener Verfolgung machen seine Werke auch heute noch interessant und lesenswert.«

Nachtrag (19. März 2016): Manches würde ich heute wohl nicht mehr so schreiben, wie in der Rezension (Der Text wurde 2012 verfasst). Der Grundtenor würde aber wohl der gleiche bleiben, obwohl ich Eric Metaxas als Autor, Journalist und Moderator sehr schätze. Metaxas hat auf diese Rezension inzwischen auf Twitter reagiert:


Peter Voth (*1986) ist leitender Redakteur von Timotheus. Peter auf Twitter: @petervoth.

Dieser Rezension ist erstmals in der Printausgabe »#6 Das Kreuz« (01/2012) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist nach wie vor in unserem Shop erhältlich. Für die Veröffentlichung auf diesen Blog wurde der Text leicht bearbeitet und ergänzt.

AboFooter-01