Menschenfurcht bringt zu Fall; wer sich aber auf den Herrn verlässt, wird beschützt. —Sprüche 29,25

In der Heiligen Schrift wird an vielen Stellen von Personen berichtet, deren Handeln durch Menschenfurcht bestimmt wurde. Anhand dieser Ereignisse können wir unsere eigene Motivation hinterfragen, weil uns die Bibel auch die Beweggründe der von Menschenfurcht gelenkten Personen schildert. Salomo schreibt in seinen Sprüchen, dass Menschenfurcht zu Fall bringt. Eine generelle Konsequenz von einem durch Menschenfurcht motivierten Leben ist also der Fall.

»Wir müssen nicht überzeugt oder überedet werden, unsere Hoffnung auf Menschen [oder uns selbst] statt auf Gott zu setzen. Wie der Wutanfall eines Kindes ist dies kein Verhalten, dass wir lernen oder uns von anderen abschauen müssen.« (Edward T. Welch, Befreit leben, Seite 67) Das menschenverherrlichende Leben ist Teil unseres Wesens.

MENSCHENFURCHT …

Das hebräische Wort, das hier mit Furcht übersetzt wird (khar-aw-daw‘), bedeutet eine übermäßige Furcht zu empfinden oder übermäßig zu zittern. In 1. Samuel 14,15 wird es benutzt, um den Schrecken, der im Heerlager der Philister entstand zu beschreiben, als Jonathan mit seinem Waffenknecht den Vorposten der Philister erschlug. Die Furcht ist dabei hauptsächlich auf etwas gerichtet, das dem eigenen Leben Schaden zufügen kann.

Khar-aw-daw‘ bedeutet aber auch, etwas oder jemandem eine übermäßige Sorge oder Beachtung entgegenzubringen. So beschreibt in 1. Mose 27,33 das gleiche Wort Isaaks Entsetzen über Jakobs Betrug an seinem Bruder Esau. Ebenso wird mit dem gleichen Wort in 2. Könige 4,13 die Fürsorge der Schunamitin gegenüber Elisa geschildert. In diesem Fall ist die eigene Besorgnis auf jemanden gerichtet, und zwar in Verbindung mit der Angst davor, dass diesem etwas Unerwünschtes widerfährt.

Beide Bedeutungen haben nichts Verwerfliches an sich. Niemand würde den in Schrecken versetzten Philistern eine Sünde vorwerfen. Auch würde niemand das Entsetzen von Isaak bezüglich seines hinterlistigen Sohnes als Sünde bezeichnen, geschweige denn die fürsorgende Haltung der Schunamitin, die sich mütterlich um Elisa gesorgt hat.

Salomo verwendet khar-aw-daw‘ jedoch in Verbindung mit dem Wort Mensch und spricht deshalb von einer gerichteten Furcht durch den Menschen. Sobald unsere Furcht durch den Menschen (einschließlich uns selbst) gelenkt wird, muss die Gottesfurcht weichen. Denn wie der Herr Jesus sagte, können wir nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Wir werden jenem folgen, dem wir Furcht und Beachtung entgegenbringen.

Ein Extremfall von Menschenfurcht stellt für uns sicherlich die wörtliche Furcht vor dem Menschen dar. Das heißt wir nehmen eine bangende Haltung gegenüber anderen Menschen ein, weil unserer Meinung nach von ihnen eine Gefahr für unser Leben ausgeht und sie uns oder unserem Besitz Schaden zufügen können. Diese Art von Menschenfurcht ist in einem Rechtsstaat wie Deutschland selten zu sehen, weil Gesetze und Vorschriften einem derartigen Schaden vorbeugen.

In der Bibel gibt es einen solchen Fall z.B. im Buch Richter, als Jotam »aus Furcht vor seinem Bruder Abimelech« (Richter 9,21) nach Beer floh, weil dieser den übrigen männlichen Teil seiner Familie erschlagen und sich selbst zum König gemacht hatte. Auch wenn diese Art von Furcht in unserem Leben meistens nicht über den Schulhof hinausreicht, wo uns Mitschüler bedrohen oder unseren Besitz zerstören, leiden Geschwister in zahlreichen Ländern bis aufs Blut für ihren Glauben und sehen diesem Schrecken Tag für Tag ins Auge. Sie zittern um ihr Leben, doch sie wollen ihren Herrn auf keinen Fall verleugnen. Und auch wenn ihre zitternden Knie nur eine schwache Reaktion auf die Aufforderung Christi sind, nicht diejenigen zu Fürchten, die nur den Leib töten können, so sind sie doch willens sogar den Tod in Kauf zu nehmen, weil sie wissen, dass ihr Gott größer ist als ihre Peiniger. So listet auch der Schreiber des Hebräerbriefs die Propheten auf, die von Menschen misshandelt und grausam ermordet wurden und fordert uns auf, auf sie zu schauen und sie zum Beispiel zu nehmen, weil ihr standhaftes Ende unseren Siegeskranz bestätigt. Es ist ein überaus trauriger Anblick, wenn Kinder Gottes vor Menschen ihre Knie beugen, weil sie glauben, dass Menschen größer sind als ihr Herr.

Eine uns bekanntere Form von Menschenfurcht kommt durch das Verlangen nach Anerkennung, Bestätigung, Liebe usw. zum Ausdruck, indem wir Menschen eine hohe Beachtung einräumen.

Das Wort Gottes berichtet uns von vielen Ereignissen, die von einer solchen Menschenfrucht bestimmt wurden. Beispielsweise lesen wir in 1. Samuel 15,24 von dem Ungehorsam des Königs Saul, wie er den Befehl Gottes missachtete und das beste vom Vieh und den König der Amalekiter verschonte. Auf Samuels Vorwürfe antwortete Saul, dass er ungehorsam war, weil er sich vor dem Volk fürchtet. Im Johannesevangelium 12,42-43 lesen wir davon, dass sogar Teile der Obrigkeit der Juden an Jesus glaubten, aber es wegen der Pharisäer nicht bekannten, weil ihnen die Ehre vor den Menschen lieber war als die Ehre vor Gott.

In diesen Geschichten ist es sehr leicht, sich selbst wiederzuerkennen. Im Alltag lösen wir ohne viel Nachdenken unzählige Situationen in einer Art und Weise, die direkt auf die Ehre beim Menschen zurückzuführen sind. Wir bejahen die sündhaften Einstellungen und Entscheidungen des Kollegen oder Vorgesetzten, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten. Wir können nicht nein sagen, obwohl wir es sollten, weil wir befürchten, dass unser Ruf darunter leiden wird. Wir sagen stets, was die Leute hören wollen, weil uns unsere reine Weste wichtiger ist als die Wahrheit. Wir bevorzugen andere Menschen, weil diese ein positives Licht auf unsere Person werfen können und meiden auf der anderen Seite jene, die das Gegenteil bewirken. Wir bemühen uns, für Christus Tätigkeiten auszuüben, die von möglichst vielen gesehen werden können und ehrenvoll sind. Unser Weg wird in vielerlei Hinsicht von Menschenfurcht bestimmt. Doch dadurch werden wir in besonderer Weise abhängig von Menschen und unser Urteilsvermögen wird getrübt.

… bringt zu Fall

Salomo beschreibt das bildhaft mit dem Fall. Das Wort Fall (mo-kashe‘) bedeutet wörtlich Schlinge, wie sie bei der Jagd nach Wildtieren verwendetet wird und impliziert im Hebräischen einen Fanghaken. Das Wort wird unter anderem in 1. Samuel 18,22 benutzt, um Sauls böswillige Absicht gegenüber David zum Ausdruck zu bringen, als er ihm seine Tochter Michal zur Frau geben wollte. Anstelle der Heiratsgabe wollte Saul aber die Vorhaut von 100 Phillistern und hoffte insgeheim, dass diese David töten und Michal ihm so zum Fallstrick würde.

Ein Tier, das in eine Schlinge gerät, ist der Gnade des Jägers ausgeliefert. Es hat die Freiheit verloren und muss sich dem Willen eines anderen beugen. Laut Sprüche 29,25 verhält es sich ebenso mit der Menschenfrucht. Wenn wir unsere Wünsche und Bedürfnisse etwas näher betrachten, werden wir feststellen, dass sie oftmals von Menschen abhängen und das macht uns wiederum von ihnen abhängig. Eine derartige Abhängigkeit muss nicht zwingend auf Menschenfurcht zurückgeführt werden. Das Wort Gottes sagt uns, dass wir einander brauchen und den guten Kampf des Glaubens gemeinsam kämpfen müssen, aber wenn uns unsere Bedürfnisse nach Anerkennung, Beachtung oder Liebe dazu veranlassen für deren Befriedigung zu sündigen, dann ist das Menschenfurcht.

Ein Mensch dessen Lebensführung von einer solchen Abhängigkeit geprägt wird, gleicht einem Tier, dass einer Schlinge zum Opfer gefallen ist. Er hat seinen Willen einem anderen unterworfen, weil er auf das, was ihm dadurch gegeben bzw. genommen wird, nicht verzichten kann. Auf eine solche Art sind viele Menschen von der Liebe und Zuneigung eines anderen abhängig. Ehemänner von Ehefrauen und Ehefrauen von Ehemännern, Kinder von Eltern und Eltern von Kindern, ein Freund von einem anderen Freund oder ein Nacheiferer von seinem Vorbild. Während Liebe ein von Gott gegebener Segen ist, nennt die Bibel das, was Salomo in Sprüche 29,25 beschreibt, Götzendienst, oder in diesem Fall Menschenfurcht.

Dieser Fall kennzeichnet sich aber nicht in der Tatsache, dass wir von Menschen abhängig sind, sondern darin, dass wir die Gottesfurcht abgelegt haben. Aufgrund der Menschenfurcht werden wir voreingenommen gegenüber anderen und dem Wort Gottes. Die Bibel lesen wir dann nur noch mit Vorbehalten und können deshalb den Willen Gottes nicht gänzlich erkennen und nicht nach seinem Willen beten, weil selbstauferlegte Vorurteile gegenüber anderen und Gott fest in unserem Herzen verankert sind.

Deshalb müssen wir uns von allen Schlingen der Menschenfurcht lösen. Doch wie sollen wir das schaffen? Salomo gibt uns die Antwort auf diese Frage.

Gottesfurcht

Salomo beginnt einen Vergleich, indem er Gottesfurcht und ihre Wirkung in der gleichen Reihenfolge wie zuvor bei der Menschenfurcht auflistet. Das Wort »verlässt« (baw-takh‘) bedeutet wörtlich »in eine Zuflucht eilen«. Es steht sinnbildlich für Vertrauen oder Zuversicht. In 2. Könige 18,5 wird es gebraucht, um das beispiellose Vertrauen des Königs Hiskia in den Herrn zu verdeutlichen. Auf der anderen Seite werden wir in Psalm 146,3 mit dem gleichen Wort davor gewarnt, unsere Zuversicht auf Fürsten oder Menschenkinder zu setzen. Menschenfurcht wird hier der Zuflucht des Herrn gegenübergestellt und der Fall dem Schutz, der von der Zuflucht des Herrn ausgeht.

Die Zuflucht des Herrn aufzusuchen impliziert, dass wir ihn kennen müssen. Wir müssen wissen, wer er ist und wo Gottes Thron zu finden ist, bevor wir uns aufmachen können, um unter seinen Flügeln Schutz zu finden. Niemand wird von einer Zuflucht umfassenden Schutz erwarten, wenn er den Ort nicht kennt, an dem er gerade Schutz sucht. Gottesfurcht bedeutet zuerst Gotteserkenntnis. In seinem Wort hat Gott sich offenbart. Darin schreibt er uns, dass er voller Gnade und Wahrheit ist. Wir lesen darin, dass er Liebe ist und vollkommene Gerechtigkeit ausübt. Er sagt uns durch sein Wort, dass er heilig ist; dass seine Liebe heilig ist; dass seine Gnade heilig ist; dass seine Wahrheit heilig ist; dass seine Gerechtigkeit heilig ist. Seine Heiligkeit umgibt wie ein Schleier sein gesamtes Wesen. Es gibt keinen Charakterzug an Gott, der nicht von Heiligkeit durchdrungen ist. Das ist der Zufluchtsort den wir aufsuchen.

Zuflucht bei dem Herrn zu suchen bedeutet, dass wir seinen Willen kennen müssen. Niemand wird seine Zuversicht auf einen Fremden setzen. Der Wille Gottes ist seine Ehre und Herrlichkeit. In Jesus kam der zweite Adam auf diese Erde und tat mit jedem Atemzug das, wozu Gott den Menschen geschaffen hat. Christus sagte selbst, dass sein Wille darin besteht, den Vater zu verherrlichen und dessen Ehre zu suchen. Er sagte, dass er auf diese Erde gekommen ist, um zu dienen und sein Leben zu geben. Er forderte seine Jünger auf, den selben Weg der Selbstverleugnung zu gehen. Unser Gott ist ein dienender König, ein Fürst des Friedens, der von seinem Thron aufgestanden ist, um Menschen die Füße zu waschen. Die Zuflucht dieses erhabenen Königs ist es, in der wir Schutz suchen.

Wir können diese Zuflucht nicht mit einem menschenfürchtigen Herzen betreten, weil die bloße Anwesenheit Gottes diesen Makel reinigt. »Wenn wir im Thronsaal Gottes stehen, rücken alle anderen Dinge an ihren Platz. Was die anderen meinen, wird unwichtig, und selbst was wir über uns selbst denken, verliert an Bedeutung.« (Edward T. Welch, Befreit leben, Seite 127) Um den Schlingen der Menschenfurcht zu entgehen, dürfen wir diese Zuflucht niemals verlassen, denn außerhalb dieses heiligen Ortes lauert der Fall.


Andreas Kuhlmann (*1984) ist Mit-Gründer, Mit-Herausgeber und Autor von Timotheus. Titelbild von Death to Stock.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#5 Gottesfurcht« (04/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist leider ausverkauft, kann aber über die Infoseite kostenlos online gelesen werden.

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