Es ist Freitag. Du gehst zum Arzt, um dich impfen zu lassen. Als du zum vereinbarten Termin erscheinst, informiert dich die Rezeptionistin, dass es ihr sehr leid tue, aber der Arzt sei heute etwas müde gewesen und konnte deshalb nicht in die Praxis kommen. Es sei eine lange Woche gewesen. Sie wissen schon…

Wie geplant fährst du weiter zu deinem Termin bei der Zahnärztin. Dort angekommen, findest du ein Schild an der Tür: »Wegen einer leichten Erkältung kann die Zahnärztin heute keine Termine wahrnehmen«.

Davon unbeirrt fährst du am Samstag zu einer wöchentlich stattfindenden Sportveranstaltung für Kinder. Von den versammelten Eltern erfährst du, dass der Trainer andere Dinge zu erledigen hatte, die er für wichtig hielt, und dass er deshalb in letzter Minute abgesagt hat.

Aber keine Sorge! Zumindest findet heute Nachmittag eine Geburtstagsfeier statt. Hätten die Gastgeber sich nicht plötzlich entschieden, dass sie doch lieber Zeit mit der Familie verbringen möchten, und die Feier kurzerhand abgesagt.

Aber immerhin findet am Tag des Herrn der Gottesdienst statt. Um ganz ehrlich zu sein, war der Morgengottesdienst etwas enttäuschend. Aber am Abend machst du dich wieder auf. Du kommst pünktlich am Kirchengebäude an, aber musst feststellen, dass der Pastor diese Woche etwas überfordert gewesen ist, nichts so wirklich auf die Reihe bekommen hat und sein Mittagsschlaf ausgefallen ist und dass er sich deshalb entschieden hat, sich auszuruhen, in der Hoffnung, am nächsten Sonntag wieder etwas mehr bei der Sache zu sein. Immerhin hat er heute Morgen schon gepredigt, sodass er zumindest einmal da gewesen ist. (Falls du annimmst, dass ich scherze: Ich habe erst neulich von einem Bruder gehört, der einen Gastprediger eingeladen hat, um eine kleine Gemeinde zu ermutigen. Zwei Tage vor dem vereinbarten Termin rief der Prediger an, um zu erklären, dass er ein paar Probleme mit der Vorbereitung gehabt habe und deshalb – sehr zu seinem Bedauern – nicht kommen könne. Mehr nicht.)

Ich kann mir vorstellen, dass du in den meisten – wenn nicht sogar in allen – Fällen etwas verärgert gewesen wärst. Immerhin bestand eine stillschweigende Vereinbarung, wenn nicht sogar ein konkludent abgeschlossener Vertrag in den meisten der beschriebenen Situationen. Vielleicht hat die Zahnärztin bei der Beschreibung ihres Leidens auch untertrieben, und es ist vielleicht ganz gut, dass sie nicht mit laufender Nase an deinem Mund herum hantiert. Dennoch – so nehme ich an – würdest du eher denken, dass dies alles etwas unangemessen erscheint.

Aber drehen wir den Spieß doch einmal um: Du erwartest, dass der Arzt da ist, machst dir selbst aber nichts daraus, deinen Termin abzusagen, wenn dir danach ist. Der Arzt wird schließlich auch an einem anderen Tag da sein. Einen Termin beim Zahnarzt zu bekommen, ist allerdings schon etwas schwieriger. Zur wöchentlichen Sportveranstaltung kommen bestimmt auch genug andere Kinder. Du weißt von mindestens drei anderen Familien, die zur Geburtstagsfeier gehen, sodass du dort nicht wirklich fehlst. Und der Gottesdienst…

Wie würdest du dich hingegen fühlen, wenn der Pastor nicht käme, schlapp und lustlos wäre, sein Fehlen mit Ausreden entschuldigte oder einfach nicht ganz bei der Sache wäre, so wie es vielen Gemeindegliedern häufig geht?

Vielleicht hast du schon einmal den Witz über einen Sohn gehört, der sich bei seiner Mutter über den Schulbesuch beklagt:

»Sohn, du musst jetzt aufstehen. Du kommst sonst zu spät!« ruft die Mutter.

»Aber ich möchte heute nicht zur Schule gehen, Mama!« antwortet der Sohn.

»Du hast keine andere Wahl.«

»Aber die Kinder mögen mich nicht.«

»Du weißt, dass das nicht stimmt. Einige Kinder finden dich toll!«

»Die Lehrer hassen mich!«

»Die Lehrer hassen dich nicht – Sie versuchen nur, ihre Arbeit zu machen!«

»Aber ich WILL nicht gehen!«

»Du musst gehen«, betont die Mutter nachdrücklich. »Du bist der Schulleiter!«

Geht es in dem Witz nicht darum, dass man gar nicht vermuten würde, dass ein Schulleiter irgendwo anders sein könnte als gerade in der Schule? Die Ausreden, die er als Schüler benutzt hätte – so faul sie auch sind – taugen nicht für einen Schulleiter. Tatsächlich hängt die Tauglichkeit der Ausreden von der Beziehung der Person zur Institution oder zu ihrer Verpflichtung ab.

Gleiches gilt in Bezug auf die Gemeinde. Ich nehme mal an, dass du entsetzt wärst, wenn du zum Gottesdienst erscheinst und der Prediger aus den gleichen oder ähnlichen Gründen einen Rückzieher gemacht hätte, aus welchen sich so viele Gemeindeglieder dazu entschieden haben, an diesem Morgen oder an diesem Abend nicht zu kommen.

Ich sehe ein, dass der Pastor eine besondere Verantwortung hat. Ich sehe auch ein, dass nur einer da ist, der predigt, und viele, die zuhören. Aber ich fürchte, dass die Last der Verantwortung und die Verpflichtungen häufig nur einseitig sind. Der Prediger muss da sein. Immerhin ist es sein Job! Aber ich? Ich kann kommen oder nicht, je nachdem, wie meine Umstände gerade sind.

Aber ist das wirklich so? Bist du nicht Teil des Leibes? Bist du nicht ein lebendiger Baustein dieses göttlich bewohnten Tempels? Stehst du nicht mit den anderen Heiligen in einem Bund, ihnen zu dienen und dir von ihnen dienen zu lassen? Bist du nicht davon überzeugt, dass während des Gottesdienstes der Himmel der Erde nahe kommen wird, dass der Herr, mehr oder weniger mächtig, durch die Verkündigung des Wortes sprechen wird? Dass du durch deine Teilnahme während des gesamten Gottesdienstes wahrhaftig und aufrichtig Gebete und Lob zum höchsten Gott sendest? Dass himmlisches Manna für dich zur Speise bereitet ist? Dass an diesem Morgen oder an diesem Abend ein besonderer Segen auf dich wartet oder dass dein Freund, dein Kind, dein Nachbar, die mit dir den Gottesdienst besuchen, zum Glauben finden? Dass du zumindest in mehr oder weniger formeller Weise gelobt hast, die Versammlungen der Heiligen, die zu lieben du dich verpflichtet hast und die dich lieben, nicht zu versäumen?

O, es tut mir leid, ich hatte es ganz vergessen! Du warst erkältet. Du hattest eine lange Woche. Ist das wirklich dein Ernst?

Ich meine nicht, dass wir nicht ab und zu durch die Vorsehung Gottes an der Teilnahme der Gnadenmittel gehindert werden können. Ich bin einmal mit meinem Kind an einem Sonntagabend aufgrund eines Notfalls im Krankenhaus gewesen. Ich wusste aber, dass ein anderer Bruder zum Predigen eingeteilt worden war. Meine Frau musste zu Hause bleiben, um sich um ein oder mehrere kranke Kinder zu kümmern, und um zu verhindern, dass die Krankheit sich in der Gemeinde ausbreitete. Ich musste einmal spät an einem Samstagabend meinen Predigtdienst für den Sonntagmorgen absagen, weil meine Frau früher als erwartet in den Wehen lag. Ich könnte auf dem Weg zur Kirche in einen Autounfall geraten. Die Straßen könnten wegen Überflutung gesperrt sein, ohne dass es eine Umleitung gäbe. Ich könnte durch eine schwere Krankheit außer Gefecht gesetzt sein. Diese Dinge aber sind Hindernisse in der Vorsehung Gottes und keine lockeren Entschuldigungen. Dies sind Hindernisse, die ich nicht überwinden kann, Grenzen, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht überschreiten kann, Einflüsse, die ich nicht vorhersehen konnte und die mich trotz meiner besten Bemühungen davon abhalten, dort zu sein, wo ich gelobt habe zu sein, um das zu tun, was ich gelobt habe zu tun. Ich bin eine Verpflichtung eingegangen. Genau das hast auch du getan.

Wenn du am Sonntag in die Kirche gehst, um dich mit dem Volk Gottes zu versammeln, erwartest du, dass der predigende Pastor auch dort ist, sofern er nicht durch die Vorsehung Gottes verhindert ist. Er hat seine Woche danach ausgerichtet, dort zu sein, mit dem Willen und der Bereitschaft, sich mit Gottes Gnade in diese Stunden der Anbetung zu investieren. Er erwartet, dass auch du da bist. Ihr solltet beide erwarten, dass ihr beide da seid. Es sollte allen seltsam erscheinen, wenn du nicht da bist. Wenn du ein gesunder Christ bist, haben deine Brüder und Schwestern ein Recht darauf, zu fragen, was passiert ist, dass du nicht am vereinbarten Ort bist. Erwarte einen Telefonanruf bezüglich deines Wohlbefindens. Schließlich fehlst du so selten.

Lieber Freund im Glauben, dein Pastor – oder einer deiner Pastoren (oder wer auch immer predigen mag) – müht sich jetzt gerade mit seiner Vorbereitung ab. Er kämpft im Gebet und unter Tränen mit dem Wort und mit seinem Gott. Er bemüht sich, an Körper und Seele erschöpft, alle seine Verpflichtungen zu erfüllen, von denen viele so ungesehen und unbekannt sind wie deine. Vermutlich muss auch er sich anstrengen, um einen Ausgleich zwischen seinem Familienleben und der Arbeitsvorbereitung zu erzielen, damit er alles schafft, wozu er verpflichtet ist. Er denkt an dich. Dein Gesicht und dein Leben hat er vor Augen, wenn er in seinem Arbeitszimmer hart arbeitet. Er erarbeitet seine Auslegungen und Anwendungen für dich, deine Familie, und die anderen, von denen er hofft und erwartet, dass sie am Morgen und am Abend des Tages des Herrn da sein werden. Und er wird an diesem Tag entweder auf die Kanzel springen oder sich hinaufschleppen, um Gottes Wort deiner Seele dienstbar zu machen. Von seiner Arbeit hängt die Fülle göttlichen Segens ab, die du entsprechend dem Ratschluss Gottes erfährst. Er ist Teil des Leibes. In diesem Zusammenhang hat er eine besondere Verpflichtung als Mund. Er muss da sein, um zu sprechen. Du bist Teil des Leibes. In diesem Zusammenhang hast du eine besondere Rolle als Ohr. Du musst da sein, um zu hören.

Jeremy Walker 

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Pastor Peter Schild zur Verfügung gestellt. Übersetzt von Jasmin Riemenschneider, Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde Frankfurt (www.erb-frankfurt.de). Titelbild von Hope House Press.