Jede Beziehung, in der wir leben, birgt Spannungen und Konfliktpotenzial. In der Ehe, im Umgang mit meinen Kindern (oder Eltern), auf der Arbeit mit Arbeitskollegen, bei Freunden, mit denen ich Zeit verbringe, und auch in der Gemeinde – im Mitarbeiterkreis, in der Gemeindeversammlung, im Hauskreis oder in der Jugend. Weil diese Beziehungen nicht spannungsfrei sind, erlebe ich immer wieder, wie sehr ich und auch die Menschen um mich herum von Sünde geprägt sind. Ganz schnell entsteht aus einer »normalen« Situation ein Konflikt oder Streit, weil ich mich oder der andere sich auf eine sündige Art und Weise verhält – oft betrifft es auch uns beide.

Warum ist es wichtig, dass ich in meinem Leben Sünde erkenne und Veränderung erlebe?

Ich sehne mich dabei aber nach Veränderung, nach Harmonie – letztlich nach dem Himmel, wo es keine Sünde, keine Träne und keinen Streit mehr geben wird. Die Frage für mich ist: Wie gehe ich mit meiner Sünde um? Warum ist es wichtig, dass ich in meinem Leben Sünde erkenne und Veränderung erlebe?

Sünde ist eine Realität

Zunächst gilt es, folgende Grundlage für unser Leben festzuhalten: Sünde ist eine Realität in meinem Leben. Das Thema Sünde und wie ich Sünde erkenne ist ein wichtiger Punkt in meinem Leben als Christ. Auf dem Weg mit Jesus ist das keine Randerscheinung, die ich außen vorlassen kann. Der Apostel Johannes spricht dieses Thema offen und direkt an, indem er in seinem ersten Brief schreibt: »Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns« (1.Johannes 1,8). Mit anderen Worten: es ist für mich keine Option zu sagen, dass ich Sünde ignoriere, abschwäche und aus meinem Leben und Alltag ausklammere. Sünde ist etwas, was zu meinem Leben dazu gehört und ich sollte lernen, mit dieser Realität zu leben und mit ihr umzugehen. Warum ist das so wichtig, die Realität der Sünde nicht aus den Augen zu verlieren?

Jesus ist gekommen, um Sünder zu retten

Ich denke, dass wir eine gute Antwort auf diese Frage bei Paulus finden, der in seinem ersten Brief an Timotheus schreibt: »Glaubwürdig ist das Wort und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten, von denen ich der größte bin« (1.Timotheus 1,15). Paulus bringt hier zwei Dinge zusammen, die für unser Thema von größter Bedeutung sind. Er bezeichnet sich selbst als den »größten Sünder«, d.h. er nimmt in seinem Leben, in seinen Beziehungen, in seinem Alltag seine eigene Sünde wahr und erlebt sich selbst als ein Sünder, der unbedingt einen Retter braucht. Gleichzeitig sieht Paulus aber auch, dass er diesen Retter in Jesus Christus gefunden hat, der in die Welt gekommen ist, gerade um Sünder – wie Paulus und wie dich und mich – zu retten. Diese beiden Punkte »Sünde erkennen« und »Jesus ist gekommen, um Sünder zu retten« sind wesentlich für mein Christsein und meinen Umgang mit anderen Menschen. Der bekannte Puritaner John Bunyan schreibt dazu: »Lerne dich selbst besser kennen, was für ein schlechter, schrecklicher und abscheulicher Sünder du bist: Denn du kannst die Liebe Christi nicht erkennen, wenn du nicht vorher die Sündhaftigkeit deiner Natur erkannt hast.« Das ist es, was Paulus verkörperte – er kannte seine eigene Sündhaftigkeit und gleichzeitig die unfassbare Gnade und Liebe Jesu, die er uns am Kreuz erwiesen hat.

Denn du kannst die Liebe Christi nicht erkennen, wenn du nicht vorher die Sündhaftigkeit deiner Natur erkannt hast

Ich bin Sünder und brauche Rettung

Wenn ich sehe, dass ich selbst ein Sünder bin und Rettung brauche, dann darf ich und muss ich zu Jesus laufen, zum Kreuz, dorthin, wo er sein Leben an meiner Stelle gegeben hat – wo er die Strafe für meine Sünde vollkommen bezahlt hat durch seinen Tod. Aufgrund dessen, was Jesus für mich getan hat, darf ich Vergebung von meiner Sünde empfangen – unverdient, ganz aus Gnade – so wie es Johannes schreibt: »Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit« (1.Johannes 1,9). Gott ist treu und gerecht, wenn wir durch Jesus zu ihm kommen und ihn um Vergebung unserer Sünden bitten, dass er uns vergibt und wir mit ihm leben können.

Der Psalmist vom 32. Psalm bestätigt diese gewaltige Aussage und gibt uns etwas an die Hand, von dem wir Ermutigung und Zuversicht erfahren können: »Wohl dem, dessen Sünde zugedeckt ist« (Psalm 32,1) – das ist in Jesus Realität geworden. Unsere Sünde ist zugedeckt, vergeben in Jesus Christus –wie wunderbar ist diese Erfahrung.
Wenn ich das erlebe, dann verändert das alles: Jesus wird mir wertvoller, sein Werk am Kreuz wird für mich wertvoller, ich erfahre ein Stück mehr, dass Jesus besser und größer und herrlicher ist als alles, was mir die Sünde zu bieten hat. Dies gibt mir die Gelegenheit, mein Leben wieder auf Jesus auszurichten und mich vom Evangelium verändern zu lassen. Das wirkt sich auf meine Beziehungen und auf meinen ganzen Alltag aus.

Dieser Prozess zieht sich durch mein ganzes Leben, ich werde damit nicht abschließen, aber durch seine Gnade werde ich ihm selbst immer ähnlicher.

Meine eigene Sündhaftigkeit wahrzunehmen und mich gleichzeitig an der Gnade Gottes zu erfreuen, die mir in Jesus und seinem Sterben am Kreuz begegnet, schafft für mich die Grundlage, auf der ich in meinem Leben und in meinen Beziehungen zu anderen Menschen Veränderung erlebe. Das ist der Grund, warum es in meinem Leben als Christ so wichtig ist, dass ich meine Sünde erkenne und auch Veränderung erlebe. Dieser Prozess zieht sich durch mein ganzes Leben, ich werde damit nicht abschließen, aber durch seine Gnade werde ich ihm selbst immer ähnlicher. Zu seiner Ehre will ich leben, mehr und mehr!

Wie sieht das praktisch aus?

Es bedeutet ganz konkret in Spannungen, Missverständnissen, Schuld, Streit und Sünde nicht zuerst auf den anderen zu zeigen, nach dem Motto: der andere hat, der andere ist, der andere sollte, müsste, könnte aber…; sondern stattdessen zu fragen: wo liege ich vielleicht falsch? Wo brauche ich Veränderung in meinem Herzen? Wo hat sich mein Herz von Jesus und vom Kreuz entfernt?

Die Sicht, dass ich selbst ein Sünder bin, korrigiert meinen Stolz und meine Arroganz. Um mit anderen Menschen in einer Weise zu leben, die Gott ehrt, brauche ich die Korrektur von Gott und von Anderen.

Die Sicht, dass ich selbst ein Sünder bin, korrigiert meinen Stolz und meine Arroganz. Um mit anderen Menschen in einer Weise zu leben, die Gott ehrt, brauche ich die Korrektur von Gott und von Anderen. Gott sieht mich und auch mein Gegenüber durch Jesus Christus, d.h. durch sein perfektes Opfer an meiner Stelle. Wenn er mich so ansieht, dann sieht er jemanden, der perfekt ist aufgrund dessen, was Jesus für mich getan hat. Wenn ich also bei mir oder bei anderen in meiner Gemeinde ein sündiges Verhalten wahrnehme, darf ich mir selbst die Wahrheit zupredigen, dass der Andere genauso vor Gott gerecht gesprochen ist wie ich – durch das, was Jesus am Kreuz getan hat, perfekt.

Ich will mehr und mehr lernen, die Menschen mit Gottes Augen und aus Seiner Perspektive zu sehen: durch die Brille Jesu, der sein Leben für mich gegeben hat.

Gott segne euch!


Michael Wiche

Dieser Artikel ist erstmals in unserer Ausgabe »#3 Sünde« (02/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist vergriffen, kann jedoch kostenlos online gelesen werden (hier).

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