Demut ist eine Tugend, die wir nicht einfach durch Selbstdisziplin lernen können. Die sogenannten bürgerlichen Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit können wir uns mit Selbstdisziplin mehr oder weniger aneignen. Dazu helfen schon äußere Mittel wie Kalender, Konto oder auch das alte Mittel des Knotens im Taschentuch. Dass diese Werkzeuge bei dem Erlernen der Demut nicht viel helfen, leuchtet ein. In Philipper 2,1ff wird deutlich, dass Demut zuerst einmal eine Frage der Gesinnung ist, die sich dann natürlich in entsprechenden Taten äußert.

Demut, so zeigt Paulus in Philipper 2,1-11 und Kolosser 3,12-13, ist eine Frucht des Evangeliums: »Zieht nun an als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Geduld, Milde, Langmut« (Kolosser 3,12). In dem ersten Abschnitt soll deutlich werden, dass auch bei Charles Spurgeon die Demut eine Frucht des Evangeliums ist. Spurgeons Demut ist in der Frohen Botschaft der freien, unverdienten Gnade für verlorene Sünder verwurzelt.

Charles Haddon Spurgeon lebte von 1834-1892. Mit 20 Jahren wurde er als Prediger nach London berufen, wo schon bald mehrere tausend Menschen seine Predigten hörten. Sie wurden in ca. 30 Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet. Gerade diese Entwicklungen könnten Anstoß zum Stolz und zur Selbstgefälligkeit geben. Wie konnte Spurgeon bei diesem Werdegang trotzdem ein demütiger Mensch bleiben?

DIE GRUNDLAGE DER DEMUT

Spurgeons Demut gründet in der Erkenntnis seiner eigenen Unfähigkeit und Unwürdigkeit einerseits und Gottes erwählenden, freien und allmächtigen Gnade andererseits.

Er war davon überzeugt – er hatte es selbst erfahren – dass er nicht aufgrund eigener Bemühungen gerecht vor Gott werden kann. Er glaubte als Junge, dass er sich einfach jederzeit zu Jesus Christus bekehren kann, wie und wann es ihm gefällt: »Ich dachte wirklich, ich könnte mich Christus zuwenden, wann immer ich wollte, und so könnte ich es bis zum letzten Abschnitt meines Lebens aufschieben, um es dann gemütlich auf einem Krankenbett zu tun. Aber als der Herr meiner Seele die ersten Erschütterungen solcher Überzeugung schickte, wußte ich es sehr bald besser.«

Charles-Spurgeon

Charles Haddon Spurgeon

Als Spurgeon aber seine eigene Sündhaftigkeit erkannte, war er davon so bestürzt, dass er nicht mehr dazu fähig war, sich »gemütlich« Christus zuzuwenden. Er konnte vor lauter Sünde nicht auf Jesus Christus schauen. »Ich fand keine Ruhe, als ich in den Fängen des Gesetzes war. Ich dachte, ich könnte mit vielen Tränen ein wenig von dem zurückerstatten, was ich Falsches getan hatte. Aber das Gesetz hielt mir einen Spiegel vor, so daß ich mein Gesicht über und über verschmiert und durch meine Tränen nur noch mehr entstellt sah. So machte mir das Gesetz auf allen Seiten Kummer und Schwierigkeiten. … Ich entdeckte, daß selbst meine allerbesten Taten sündig waren, daß ich über meine Tränen weinen mußte und daß meine Gebete die Vergebung Gottes benötigten. Ich merkte, daß alle meine guten Werke aus selbstsüchtigen Motiven getan waren, nämlich mich selbst zu retten, und daß sie deshalb nie für Gott annehmbar sein konnten.«

Die Erfahrung seiner Sündhaftigkeit und absoluten Hilflosigkeit verhalf ihm zu dem Verständnis, dass Errettung ganz Gottes Sache ist. Es liegt an ihm, einem Menschen gnädig zu sein. Er begnadigt, wen er will: »Denn Gott sagt zu Mose: Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und werde Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen [an seinen Bemühungen], sondern an Gottes Erbarmen« (Römer 9,16-17).

Spurgeon verstand auch, dass Gott sich sein Volk von Ewigkeit her erwählt hat, vor Grundlegung der Welt: »Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens« (Epheser 1,4-5; vergleiche 2. Timotheus 1,9; 2. Thessalonicher 2,13; Römer 8,28-30).

Errettung ist ein freier Akt Gottes am Menschen – an dem Menschen, den er dazu erwählt hat. Der Biograf Iain Murray sagt zu Recht, dass Spurgeons Verständnis des Evangeliums die Grundlage seiner Demut ist. Spurgeon schreibt: »Die Tatsache, dass Bekehrung und Errettung von Gott sind, ist eine demütigende Wahrheit. Und wegen ihres demütigenden Charakters mögen die Menschen sie nicht. Gesagt bekommen, daß Gott mich retten muß, wenn ich gerettet werde, und daß ich in Seiner Hand bin wie der Ton in der Hand des Töpfers, das mag ich nicht‘, sagt einer. Nun, das dachte ich mir; wer hätte je im Traum daran gedacht, daß du es mögen würdest?«

Es ist für unsere menschliche Natur, die immer einen Grund für Stolz und Eigenlob sucht, eine demütigende Lehre. Murray nennt diese Lehre der freien Gnade Gottes eine Schule der »Demut des Verstandes vor Gott«.

Das Evangelium demütigt uns, aber es ist und bleibt die gute Nachricht für verlorene Menschen. Die Einladung bleibt bestehen: »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken« (Matthäus 11,28). Trotz unserer Errettung, dass Gott uns von den geistlichen Toten auferweckt hat, und der tröstenden Aussage, dass Gott genau mich dazu vor der Erschaffung der Welt bestimmt hat, tun wir uns oft schwer damit, Gott als den freien Gott und Herrn über uns anzuerkennen. Spurgeon glaubte Gottes Wort, auch wenn es gegen seinen Stolz stand, und so wurde der Stolz gebrochen. Es gab nichts mehr, was Spurgeon an sich selbst finden und loben konnte. Er verdankte – wie wir auch – Gott alles.

Dieses wunderbare Evangelium, was Rettung für den Menschen und Ehre für Gott bedeutet, verkündigte Spurgeon trotz aller Anfeindung. Murray schreibt: »Er wußte, daß durch diese Wahrheiten eine tiefgreifende praktische Wirkung auf die Gewissen der Zuhörer ausgeübt wurde. Sie zerschlagen die Selbstüberhebung des Menschen, bis er hilflos vor Gott steht und unausweichlich mit seinem eigenen verzweifelten Zustand konfrontiert wird.«

Wir erziehen uns nicht zu Demut mit äußeren Mitteln wie Notizblock, Kalender oder Konto. Demut gegen Menschen und Gott ist eine Frucht des Evangeliums. Weil Spurgeon in diesem Punkt, der für uns so schwer zu akzeptieren ist, einfach Gottes Worten glaubte, sich also in diesem so großen Thema unter Gottes Wort demütigte und sich von dieser Lehre demütigen ließ, war er ein demütiger Mensch.

Der lernt Demut, der gelernt hat, sich bei der Lehre der Erwählung, des unfreien Willens und der freien Gnade unter Gottes Wort zu demütigen. Das ist für uns ein Kampf, weil unser Ego stolz sein möchte. Aber es ist ein wichtiges Schlachtfeld und wir sollten das Bemühen darum nicht aufgeben.

Eine Lektion in der Demut

Im Jahr 1856, Spurgeon war gerade einmal 22 Jahre alt, sollte er eine große Lektion in der Demut bekommen. Weil so viele Menschen zu den Gottesdiensten gingen, dass die eigene Kapelle nicht mehr genug Platz bot, entschied sich die Gemeinde, vorübergehend andere Räume für die Gottesdienste zu suchen. Drei Jahre war die Gemeinde zu den Abendgottesdiensten in der Music Hall in den Royal Surrey Gardens. Während des Hauptgebetes des ersten Gottesdienstes gaben einige Feinde Spurgeons falschen Alarm, indem sie »Feuer! Feuer!« und »Die Galerien stürzen ein. Das ganze Gebäude stürzt ein!« riefen.

Sie lösten eine Massenpanik aus, bei der sieben Menschen gestorben sind und viele schwer verletzt wurden. Spurgeon konnte das nicht verkraften und stand lange unter schwerem Schock. Ihn konnte scheinbar nichts darüber trösten, dass unter seinem Dienst eine Katastrophe geschah, die Menschen das Leben kostete. Er war tagelang unfähig zu predigen, und erholte sich sein ganzes Leben lang nicht ganz von diesem Schrecken.

Spurgeons Frau Susannah schreibt, dass er an diesem Abend nur »ein Schatten seiner selbst« war. Er setzte den Dienst vorübergehend aus, um sich im Haus eines Diakons zu erholen. Seine Frau berichtet: »Wie gewohnt gingen wir gemeinsam im Garten spazieren, er ruhelos und gequält, ich voll Kummer und fragend, wie das Ende all dessen aussehen würde. Vor dem Eingang des Hauses blieb er plötzlich stehen und drehte sich zu mir um. Mit dem alten, wunderbaren Strahlen in seinen Augen (wie sehr hatte ich es vermisst!) sagte er zu mir: »Liebste, wie töricht war ich doch! Es ist nicht wichtig, was aus mir wird, wenn nur der Herr verherrlicht wird!« Und mit Eifer und Nachdruck wiederholte er Philipper 2,9-11: »Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.« Sein Gesicht glühte vor heiliger Leidenschaft, als er sagte: »Wenn Christus erhöht ist, so soll er mit mir machen, was ihm gefällt. Mein einziges Gebet soll es sein, dass mein Ich sterben möge und ich vollkommen für ihn und zu seiner Ehre lebe. Meine liebe Frau, dies erkenne ich nun! Lobe den Herrn mit mir!«

Der Herr ließ ihn in die Depression fallen, um diese wichtige Erkenntnis zu vermitteln. Es geht nicht um Spurgeon, noch geht es je um einen Menschen. Wenn Gott zu seiner Verherrlichung Wege geht, die Spurgeon verschiedene Lasten und Unehre einbringen, so soll es ihm recht sein. Der Demütige nimmt um der Ehre Gottes willen Feindschaft und Entbehrung in Kauf. Er ist sich selbst nicht so wichtig wie Gott.

Dabei hat Spurgeon nicht nur selbst eine große Lektion gelernt, in seinen Worten haben wir auch schon die Bestätigung für eine demütige Gesinnung. Das zeigt sich daran, dass er Philipper 2,9-11 zitiert. In diesem Kapitel ermahnt Paulus wie sonst nirgends die Gemeindeglieder, nicht eigensüchtig und ruhmsüchtig, sondern demütig zu sein.

Wie schnell kann gerade ein Prediger wie Spurgeon, dessen Dienst sehr gesegnet war, zu Ruhmsucht verführt werden. Stattdessen, sagt Paulus, soll man in Demut den anderen höher achten als sich selbst. Wie Christus sollen wir gesinnt sein: er gab die Herrlichkeit auf, die er beim Vater hatte, erniedrigte sich und starb wie ein Verbrecher am Kreuz. Er demütigte sich selbst. Spurgeon hatte es schon durch das Evangelium gelernt und nun durch diese schwere Lektion noch mehr verstehen können. Es heißt ganz praktisch, dass wir uns auch im Leid und Feindschaft nicht um uns selbst drehen. Christi Ehre und das Wohl des anderen soll mir wichtiger sein als ich selbst.


#8 Demut

#8 Demut

Simon Schuster (*1989) ist zur Zeit Theologiestudent am Westminster Seminary in Kalifornien.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#8 Demut« (03/2012) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist nach wie vor in unserem Shop erhältlich.