»Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.« —1. Korinther 15,10

»Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin« – angesichts seiner unrühmlichen Vergangenheit betrachtet Paulus sein Leben als ein Werk der Gnade Gottes. Aus einem Verfolger der Gemeinde wurde ein vollmächtiger Apostel, dessen Leben und Dienst ein Beweis der souveränen Gnade Gottes sind.

Paulus ist ein großes Vorbild, dem es nachzuahmen gilt. Mit großem Eifer und Ernst hat er einen maßgeblichen Beitrag zum geistlichen Aufbau der weltweiten Gemeinde geleistet. Er selbst betont, dass er »viel mehr gearbeitet [habe] als sie alle«. Diese Feststellung erweckt den Eindruck, als ob Paulus sich auf ein Podest stellt und mit stolzen Augen auf andere herabschaut. Dies war allerdings nicht seine Absicht, da er seinem Vergleich mit anderen eine entscheidende Bemerkung hinzufügt: »nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.« Paulus hat die anderen Diener weit übertroffen, aber letztlich war sein unermüdlicher Einsatz das Resultat der wirksamen Gnade Gottes. In einem weiteren Brief an die Gemeinde in Korinth betont er diesen Gedanken nochmals: »Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott« (2. Korinther 3,5). Das Leben von Paulus veranschaulicht in eindrücklicher Weise das Ausmaß und die Wirksamkeit der souveränen Gnade Gottes. Es lohnt sich, diese Gnade anhand seines Lebens zu ergründen.

Völlige Verdorbenheit

Trotz seines vorbildlichen Lebens bekennt Paulus seine Verdorbenheit: »Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (Römer 7,18). Er sieht in seinem Inneren alles andere als einen guten Kern, der zur Entfaltung gebracht werden muss. Seine erschütternde Selbsterkenntnis steht im Einklang mit dem Urteil Gottes über das menschliche Herz, dessen »Dichten und Trachten […] böse von Jugend auf« ist (1. Mose 8,21).

Unsere Herzen sind von Natur aus böse und somit gegen den heiligen Gott gerichtet. Manche Vorgänge in unserem Herzen treiben uns zur Verzweiflung und rauben uns jegliche Hoffnung auf Veränderung. Die tyrannische Herrschaft der Begierden nimmt uns die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, sodass wir nicht Herr unser selbst sind und Dinge tun, die wir nicht tun wollen. Unser innerer Zustand ist oft erbärmlich, sodass wir mit Paulus in unserer Verzagtheit ausrufen müssen: »Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?« (Römer 7,24). Der Erlöser ist allein Jesus Christus – die fleischgewordene Gnade Gottes (vgl. Titus 2,11). Gegen unsere Verderbtheit hilft allein diese heilsame Gnade Gottes. Sie befähigt uns, die verdorbene Sündennatur zu über-winden. Nach ihr dürfen wir uns ausstrecken und sie am Thron der Gnade erbeten. Da wir nichts Gutes aus uns selbst hervorbringen können, soll diese Gnade Gegenstand unseres Begehrens sein wie beim Zöllner, der im Tempel betete: »O Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Bedingungslose Erwählung

Paulus hatte Gott nichts anzubieten. Als Apostel erachtete er seine religiösen Errungenschaften vor seiner Bekehrung um Christi willen für Dreck. Zudem stellte er fest, dass in seinem Fleisch nichts Gutes wohnt. Als religiöser Fanatiker, der die Gemeinde verfolgte, wäre er aus menschlicher Sicht der Letzte gewesen, Kandidat für die göttliche Erwählung zu sein. Dennoch sagte Gott über ihn nach der Damaskus-Stunde: »dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel« (Apostelgeschichte 9,15). Paulus hat sich selbst nicht für den Dienst als Apostel nominiert. Gott hat ihn erwählt, ohne dass er dafür irgendwelche Bedingungen erfüllt hat. Ein Akt der Gnade war diese Auserwählung, die unabhängig von vorausgesehenen Reaktionen des Menschen ‚Paulus’ stattfand. Denn was hätte Gott wohl bei einem geistlich toten Eiferer wie Paulus vorausgesehen? Ablehnung für das Evangelium! Gottes Erwählung war auch schon im Fall des Volkes Israel bedingungslos (vgl. 5. Mose 7,7-8). Gott erwählt, wen er will. Diese Wahrheit hat Gott auch schon Mose offenbart, als er zu ihm sprach: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich« (2. Mose 33,19). Die Erwählung lässt die souveräne Gnade Gottes im höchsten Glanz erstrahlen.

Es ist eine unfassbare Gnade, vom himmlischen Vater zum ewigen Leben auserwählt zu sein. C.H. Spurgeon beschreibt die Wirkung der Lehre von der Erwählung: »Ich kenne nichts, absolut nichts, was demütigender für uns ist als die Lehre der Erwählung. Bei meinen Versuchen, sie zu begreifen, falle ich manchmal der Länge nach vor ihr nieder. Ich habe meine Flügel ausgestreckt und mich wie ein Adler der Sonne entgegen emporgeschwungen. Eine Zeitlang blieben meine Augen fest fixiert und meine Flügel emsig, doch als ich mich ihr näherte und mich dieser eine Gedanke ergriff, »dass Gott uns von Anfang an erwählt hat zur Rettung«, war ich in ihrem Glanz verloren. Dieser gewaltige Gedanke erschütterte mich und meine Seele stürzte aus der schwindelerregenden Höhe herab, warf sich zerbrochen nieder und sprach: ›Herr, ich bin nichts, ich bin weniger als nichts. Warum ich? Warum gerade ich?‹«

Wirksame Gnade

Allein durch die wirksame Gnade wurde aus dem Verfolger der Gemeinde ein treuer Apostel. Auf der Straße nach Damaskus erschien ihm Jesus und berief ihn: »Saul, Saul, was verfolgst du mich? (…) Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst« (Apostelgeschichte 9,4-6). Es war ein wirksamer Ruf, da Paulus nach einigen Tagen in Damaskus nicht die Gläubigen verfolgte, sondern in den Synagogen mit zunehmender Kraft von Jesus predigte. Diese radikale Richtungsänderung ist ein Beweis der unwiderstehlichen und unbesiegbaren Gnade Gottes. Gott verwirklicht stets souverän seine Heilsabsichten.

Die Rettung einer Seele ist nicht ein von Mensch und Gott durchgeführtes Kooperationsprojekt, dessen Erfolg von der menschlichen Entscheidung abhängt. Wir müssen uns hüten, den Willen des Menschen hochzupreisen, indem wir behaupten: »Die Entscheidung des Menschen ist entscheidend«. Dies widerspricht dem Evangelium der Gnade. Gottes Gnade allein ist entscheidend. Seit dem Sündenfall ist der Mensch geistlich tot in Sünden und somit unfähig, sich freiwillig zu Gott zu bekehren. Der sündige Mensch ist lediglich frei darin, seinen Neigungen zu folgen, aber er besitzt nicht die Freiheit insbesondere seinen sündigen Neigungen entgegenzutreten. Er ist ein Sklave der Sünde, der nur aufgrund der wirksamen Gnade Gottes von der Herrschaft der Sünde befreit werden kann. Ein geistlich toter Sünder kann durchaus das rechte Verständnis vom Evangelium haben, aber er glaubt ihm nicht, denn »es ist ihm eine Torheit« (1. Korinther 2,14). Allein aus Gnade wird ein geistlich toter Sünder zum ewigen Leben erweckt, indem ihm Buße und Glaube von oben geschenkt werden.

Bewahrende Gnade

Paulus war vielen physischen und geistlichen Gefahren ausgesetzt, aber er hatte die feste Zuversicht, dass nichts und niemand ihn von Christus scheiden kann: »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? (…) Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (Römer 8,35-39). Paulus konnte in den vielen Bedrängnissen ausharren, weil Gottes bewahrende Gnade mit ihm war.

Die wahren Gläubigen bleiben nicht verschont von geistlichen Gefahren. Sie »müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen« (Apostelgeschichte 14,22). Aber in dem allen überwinden sie aufgrund der bewahrenden Gnade Gottes.

Möge es unsere Sehnsucht sein, dass Gottes Gnadenwerk in unserem Leben umfassend und tiefgreifend ist. Denn es kommt nicht darauf an, was wir für Gott tun, sondern dass seine souveräne Gnade in uns und durch uns zum Lob seiner Herrlichkeit wirkt.


Waldemar Dirksen (*1982) ist Mitbegründer des Timotheus Magazins und gehört zum Herausgeberkreis des Heftes. Er dient als Diakon und Prediger in seiner Heimatgemeinde und arbeitet als Lehrer in Bonn.

Titelfoto von Sam Ferrara.

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe »#13 Gnade« (4/2013) erschienen. Das Heft ist bereits vergriffen, kann jedoch online kostenlos gelesen werden. Entdecke weitere Ausgaben zu grundlegenden Themen des christlichen Glaubens in unserem Archiv.

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