Kein Konsumentenentscheid

Wann soll man eine Gemeinde wechseln? Schon die Formulierung bleibt mir im Hals stecken. Man wechselt eine Gemeinde nicht, wie man ein Hemd, die Winterreifen oder die Brille wechselt. Das dürfte einsichtig sein. Wenn ich Menschen auf diese Frage anspreche und mir ihre Argumente anhöre, werden oft analoge Formulierungen verwendet. »Sie entsprach mir nicht mehr.« »Es fehlte an Menschen in meinem Alter.« »Ich wollte endlich wieder im Lobpreis aufgehen.« Dass diese Argumente zuvorderst stehen, deutet an: Die Wahl einer Gemeinde ist den Konsumgewohnheiten des Einzelnen überlassen. Er entscheidet darüber, welches Angebot er zu welchem Preis erwirbt und in welcher Frequenz er es benutzen möchte.

Die Reformatoren waren vor 500 Jahren gezwungen, ihre Position bezüglich der Kirche schlechthin zu klären. Obwohl sie sich anfänglich als Erneuerung der (Katholischen) Kirche betrachtet hatten, fanden sie sich unwillkürlich ausserhalb der einen christlichen Kirche vor. Das Niederländisch-Reformierte Bekenntnis von 1561, Artikel 29, formulierte eine Generation später eine bündige Definition. »Die Kennzeichen, durch welche die wahre Kirche sich von jenen (falschen) unterscheidet, sind diese: wenn sich die Kirche der reinen Predigt des Evangeliums und der lauteren Verwaltung der Sakramente nach der Einsetzung Christi bedient; wenn sie sich der Kirchenzucht recht zur Besserung der Fehler bedient; wenn sie schließlich (damit wir alles mit einem Wort zusammenfassen) alles nach der Vorschrift des Wortes Gottes tut und alles, was ihm widerstreitet, von sich weist und Christus als einziges Haupt anerkennt.«

Das Bekenntnis nennt die reine Predigt des Evangeliums an Hauptkriterium einer Gemeinde. So wie Paulus die Ältesten der Gemeinde in Ephesus anwies, den vollen Ratschluss Gottes zu verkündigen (Apostelgeschichte 20,27). Wie kann dies geschehen? Ich greife hier auf das zentrale Begriffspaar von Gesetz und Evangelium zurück und konkretisiere sie für unsere Fragestellung.

Die rechte Predigt des Gesetzes

Das Gesetz, im weiteren Sinn die gesammelten Aufforderungen Gottes im Alten und Neuen Testament, insbesondere jedoch die Zehn Gebote, zeigen uns an, was Gott von uns fordert. Es hält uns einen Spiegel vor. Wenn ich in der Familienandacht frage, ob wir das Gesetz gehalten hätten, so sind wir zur Antwort gezwungen: »Nein, wir haben jedes einzelne Gebot gebrochen.« Das Gesetz malt uns unsere Sünde, das heisst unsere Übertretung von Gottes Gesetz, vor Augen. Wir können darauf unterschiedlich reagieren: Bei den einen kommt Stolz auf. Dieser gründet auf einer eigenen Auswahl von Auflagen, für die wir uns einbilden sie halten zu können. Wer jedoch realisiert, dass er vor dem gerechten Gott nicht bestehen kann, den erfasst zu Recht Verzweiflung. Wir können Gottes Forderungen nie nachkommen. Selbst dann, wenn wir das Gesetz vollkommen gehalten hätten, wären wir bloss seinen Forderungen nachgekommen. Wir sind von Natur aus geneigt, Gott uns unseren Nächsten zu hassen (Heidelberger Katechismus, Antwort 5).

Die erste Frage lautet deshalb: Wird das Elend und die Not des Menschen deutlich verkündigt? Ist sie ein zentraler Bestandteil von Verkündigung und Seelsorge? Diese Frage ist umso wichtiger, als unsere Gesellschaft die Frage nach der Sünde vor langer Zeit aus dem öffentlichen und privaten Leben verbannt hat. In der Pädagogik wurde z. B. die Neudefinition Ende des 18. Jahrhunderts vollzogen und das Böse in das Umfeld des Kindes verlagert. Das ist längst Vergangenheit. Sünde wird heute auch im innerkirchlichen Bereich als Beziehungsstörung oder noch menschzentrierter als Störung der eigenen Erfüllung gedeutet. »Fehler« werden auf das Umfeld abgewälzt. Es sind Vorgesetzte, Partner, Lehrer und Kinder, die uns an der Erfüllung hindern.

Die rechte Predigt des Evangeliums

Das Evangelium, wie es in der ganzen Schrift seit dem Sündenfall verkündigt wird, kann in diese Worte gefasst werden: Gottes Sohn, Jesus Christus, ist in Raum und Zeit auf diese Erde gekommen. Er hat die Forderungen des Gesetzes vollkommen gehalten. Gott, der Vater, hat ihn dazu bestimmt, stellvertretend die Sünden aller Glaubenden zu tragen und Gottes Rechtsanspruch Genüge zu tun. Christi Gerechtigkeit wird dem Sünder als fremde Gerechtigkeit zugesprochen und zu seiner eigenen gemacht. Durch Umkehr, Bereuen und Hass auf die Sünde, wird der Sünder ohne eigenen Verdienst gnädig angenommen. Gott schenkt ihm Glauben. Die neue Geburt wirkt sich auf das gesamte Denken und Handeln des Menschen aus. Er hat zunehmend den Wunsch, die Sünde in seinem Leben abzutöten. Durch die Kraft des Heiligen Geistes ist er in der Lage, den Forderungen des Gesetzes mit Freude nachzukommen.

Die zweite Frage lautet: Wird das Evangelium der freien Gnade Gottes deutlich verkündigt? Wird Jesus stellvertretendes Opfer als Grund genannt? Wird der erneuerte Mensch aufgefordert, in der Kraft des neuen Lebens voranzugehen und die Sünde zu bekämpfen?

Zwei Verzerrungen: Moralismus und Relativismus

Zu jeder Zeit neigen wir Menschen zu Einseitigkeit. Je nach Veranlagung und persönlicher Biografie tendieren wir entweder dazu, eigene Forderungen aufzustellen, durch die wir unsere Erlösung selber bewerkstelligen möchten, oder Gottes Forderungen zu relativieren.

Die erste Form ist der Moralismus. Denken wir dabei nicht zu schnell, dass dies selten vorkomme! Wie viele Botschaften beschäftigen sich damit, bessere Menschen (Kinder, Schüler, Ehepartner, Berufsleute, Bürger) hervorzubringen. Es werden einige Auflagen aufgestellt (zum Beispiel Nachgiebigkeit, Freundlichkeit, sozialer Einsatz). Wer diesen nachkommt, hat den Kriterien der Gemeinschaft entsprochen und darf ein gutes Gewissen haben. Wer also den sozial erwünschten Forderungen nachkommt, ist erlöst.

Eine andere Spielart ist der Relativismus. Es wird verkündigt, dass Gottes Gnade uns von allen Forderungen Gottes befreit. Zum Beispiel müsse dann jeder Einzelne in seinem Alltag für sich entscheiden, was für ihn richtig ist. Meist entscheidet dann doch eine Gruppe darüber, welche Vorgehen zu den bevorzugten Entscheidungen gehört. Die Rechtfertigung des eigenen Verhaltens vollzieht sich durch die Akzeptanz in der Gruppe, das heisst Angenommensein.

Beide Verzerrungen setzen sich entweder über das Gesetz und Evangelium hinweg. Eigene Forderungen ersetzen Gottes Bestimmungen. Gnade wird durch das Erfüllen der Auflagen einer bestimmten Subkultur erfüllt.

Soll ich die Gemeinde wechseln?

Wir kommen auf die Frage zurück, wann ein Gemeindewechsel angezeigt ist. Wir wissen, dass in der Bibel kein Katalog von göttlich legitimierten Gemeinden existiert. Eine deutliche Verstellung des Evangeliums sollte jedoch ernst genommen werden. Es ist eine Frage der Weisheit und der persönlichen Situation (Gewissen).

Bleiben und Einfluss geltend machen

Zu allen Zeiten sind Christen davon überzeugt gewesen, dass das Bleiben in einer bestimmten Gemeinde eine gottgefällige Möglichkeit darstellt. Nicht wenige Vertreter davon sind oder waren aktiv in Verkündigung und Seelsorge innerhalb ihrer Gemeinde oder des Gemeindeverbands engagiert. Wenn sie nicht ernsthaft an ihrem Dienst am Evangelium gehindert wurden, nützten sie die Gelegenheit, die Gott ihnen bot. Allerdings befanden sie sich in einer Minderheitsposition und wurden oft übertönt.

Ein Kirchlein in der Kirche bilden

Andere sind dazu übergegangen, sich mit Gleichgesinnten innerhalb der Gemeinde zu treffen. Sie veranstalten sonntags einen zweiten Gottesdienst oder bilden Gebets- und Hauskreise. So bildet sich eine Gruppe der Frommen innerhalb der Gemeinde. Das Problem ist die Gefahr der Abgrenzung und damit Abkoppelung von der übrigen Gemeinde. In den landeskirchlichen Gemeinschaften hat sich diese Form eines zweiten Kreises innerhalb der Kirchgemeinde seit dem 18. Jahrhundert etabliert.

Bildung von Notgemeinschaften

In bestimmten Situationen sind Gruppen, welche zuerst die erste oder zweite Möglichkeit wahrgenommen haben, zum Entschluss gekommen, als Gruppe auszutreten und eine neue Gemeinschaft zu gründen. In der niederländischen reformierten Kirche gab es 1834 beispielsweise eine Abspaltung, welche eine neue Denomination gründete. Eine weitere löste sich 1886 und gab sich den Namen »leidende Kirche«. Sie sah sich nicht mehr in der Lage, Teil der bestehenden Kirche zu sein. In Deutschland haben sich in den 1960er-Jahren einzelne Gemeinden als »Bekennende Gemeinden« – in Abgrenzung zur Volkskirche – gebildet.

Gemeindegründung in urbanen Zentren

Mit Absicht habe ich die vierte Möglichkeit der Gemeindegründung konkretisiert. Die meisten Menschen auf dieser Welt wohnen in grossen Städten. Durch die weitgehende Säkularisierung des Westens leben sie in einer neuheidnischen oder zumindest zivil-religiösen Umgebung. Nur noch ganz wenige Menschen besuchen überhaupt eine Kirche. Es ist dringend nötig, in städtischen Gegenden neue Gemeinden zu gründen. Aus meiner Sicht müsste das mit weiteren Aktivitäten verbunden werden, z. B. mit eigenen Schulen, Jüngerschaftszentren und theologischen Seminaren. Menschen können auf diese Art lernen, was es heisst, ein Leben nach der Wahrheit des Evangelium zu führen.

Fazit

Ein Gemeindewechsel ist keine einfache Entscheidung. Ich habe diesen Beitrag aus der Sorge heraus geschrieben, dass in weiten Teilen der Freikirchen eine ungesunde Verzerrung von Gesetz und Evangelium Einzug gehalten hat. Für mich selbst habe ich die vier Möglichkeiten gründlich überdacht. Ich begrüsse die Kombination der dritten und vierten Möglichkeit: Bekennende Gemeinden, verbunden mit Neugründungen in städtischen Gegenden. Beten wir auch für eine Reformation in bestehenden Gemeinden!


Hanniel Strebel (*1975) ist Personalentwickler, Theologe, Autor und Blogger aus Zürich. Er ist mit Anne Catherine verheiratet und hat fünf Söhne. Sein umfangreiches Schaffen kann auf seinem Blog nachverfolgt werden: hanniel.ch.

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