Seit mindestens fünf Jahren ist eine junge, deutschsprachige Generation zu beobachten, die die uralten Lehren der Gnade wieder entdeckt hat und mit ihren Mitteln verbreitet. Man kann durchaus von einem konfessionsübergreifenden reformatorischen Aufbruch in Deutschland sprechen. Doch das sehen nicht alle so. Ist dieser Aufbruch womöglich sogar nur eine Illusion, die von einigen wenigen propagiert wird?

Es war das Jahr 2009. Ich kam gerade von der Bundeswehr und entdeckte ganz neu die reformierten Lehren. Ich war begeistert, geradezu euphorisch. Es war eine Offenbarung und für mich ein neuer Aufbruch auf meinem Weg in der Nachfolge. Doch es war nicht immer so. Tatsächlich habe ich die reformierten Lehren gehasst. Ich war wütend, dass jemand unverhohlen derartige Positionen vertreten konnte. Der Mensch entscheidet nicht, ob er gerettet wird? Nicht alle Menschen sind erwählt? Es ist unmöglich, dass ein einmal geretteter Mensch verloren geht? Alle Vorstellungen, die ich damals über Bekehrung und Errettung hatte, wurden massiv erschüttert. Das konnte nicht sein. Eine Irrlehre. Mindestens. Doch dann fing ich an über diese Lehren nachzudenken. Ich begann die Bibel zu lesen und besonders darauf zu achten, ob diese reformierten Lehren tatsächlich biblische Lehren seien. Nach sechs Monaten hatte ich die ganze Bibel durchgelesen. Spätestens jetzt war ich vollkommen überzeugt. Die Gnadenlehren sind durch und durch biblisch. Ich tauchte in die wundersame Welt Spurgeons, Luthers, Calvins und Whitefields ein. Meine Beziehung zu Gott gewann eine ganz neue Qualität. Die Gnadenlehren verändern das eigene Menschenbild und unser Bild von Gott auf drastische Weise. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Reformation meines Lebens.

In der Folge schaute ich ohne Ende Videos von John Piper, John MacArthur und all den anderen »Gallionsfiguren« der neuen reformatorischen Welt, die in den Fußstapfen Lloyd-Jones‘, Ryles‘ und der Puritaner gingen. Ich  startete einen Blog (TheYoungReformer.de) und entdeckte auch die ganze Welt der »neuen Reformierten«. »The Gospel Coalition«, »Together For The Gospel«, »Desiring God« und alle amerikanischen, reformatorischen Dienste, Webseiten und Konferenzen. Besonders vor ca. 5 Jahren wurde sehr häufig von einer Generation »Young, Restless & Reformed« gesprochen. Jung, nicht weltfremd, aber auf einem festen theologischen Grund gebaut. Auch in Deutschland lernte ich eine Menge junge Leute kennen, die ähnlich dachten. Auf Betanien- und Evangelium21-Konferenzen kamen und kommen Menschen aus ganz Deutschland zusammen, die ein reformatorisches Grundverständnis pflegen. Ich lernte, dass diese Bewegung nicht nur in Amerika großen Zuspruch empfing, sondern sich auch mehr und mehr ihr deutsches Pendant entwickelte. Natürlich nicht in dem Umfang, aber zumindest auf einer kleinen Ebene.

Schon sehr bald (im Sommer 2010) gründete ich mit gleichgesinnten Brüdern aus unserer Gemeinde und Umgebung das reformatorische Magazin »Timotheus«. Durch diese Arbeit lernte ich wiederum Pastoren, Jugendleiter, Autoren und ganz normale Christen aus allen Ecken der deutschsprachigen Welt kennen. Sie alle sind unterschiedlich. Manche kommen aus evangelischen Landeskirchen, manche aus russlanddeutschen oder »hiesigen« Brüdergemeinden und andere wiederum aus einem pfingstlerischen oder gar charismatischen Umfeld. Viele waren reformierte Baptisten, andere jedoch ganz »traditionell reformierte Kindertäufer«. Einmal haben wir sogar einen Anglikaner interviewt. Wie kann das sein?

Wir vertreten die reformatorischen Lehren, die in den fünf Punkten des Calvinismus sehr gut zusammengefasst werden. Der Kern dieser Lehren ist nichts weniger als das biblische Evangelium, dem man lediglich ein »praktisches« Etikett gegeben hat, um Dinge besser einordnen zu können. Gott ist souverän. Er schenkt den Menschen seine unwiderstehliche Gnade völlig unverdient und bedingungslos. Die Errettung des Menschen liegt nicht in seiner eigenen, sondern in der gnädigen Hand Gottes. Dieser souveräne Gott bewahrt seine Auserwählten und lässt nicht zu, dass auch nur eines seiner Schäfchen verloren geht. Der Mensch ist absolut verdorben und ganz auf das Handeln Gottes angewiesen. Auch wenn es nur eine extrem oberflächliche Betrachtung und Einordnung der reformatorischen Lehren ist, würden die meisten Leser diesen Tatsachen wohl zustimmen. Leider ist es oft das bloße Etikett, an dem sich sehr viele stoßen. Dieses Etikett hat uns schon so manchen Abonnenten gekostet, doch wir schämen uns nicht dafür. Auch wollen wir damit keinesfalls provozieren oder uns arrogant von anderen abgrenzen. Ganz und gar nicht. Wir pochen nicht darauf, dass wir reformiert, reformatorisch oder calvinistisch sind, doch wir lassen uns diese Adjektive gerne gefallen, weil sie auf ein reichhaltiges und unfassbar großartiges Erbe der Kirchengeschichte hinweisen. Und weil wir glauben, dass es nichts anderes als Synonyme für »biblisch«, »auf Christus zentriert«, »allein aus Gnade, durch Glauben allein an Jesus Christus allein«, »wortgetreu« und »sola scriptura« sind.

Natürlich sind wir uns nicht mit allen Ausprägungen und Nischen des reformatorischen Aufbruchs »grün«. Gerade der »Neue Calvinismus« – wie dieser Aufbruch auch oft genannt wird – ist nicht unser Lieblingsbegriff und beschreibt auch Gruppen, die den alten Gnadenlehren etwas hinzufügen, dem wir in manchen Fällen nicht zustimmen würden. Auch wenn wir nicht im klassischen Sinne »reformiert« sind, glauben wir, dass man den Gnadenlehren nichts »trendiges« hinzufügen muss, um »cool« oder relevant zu sein. Daher sehen wir einen Teil des »New Calvinism« auch kritisch.

»Wenn du ein theologisch gesinnter, junger Evangelikaler bist. Wenn du dich dem Evangelium verschrieben hast […] und wenn du Gemeinden sehen willst die das Evangelium groß machen und darauf gegründet sind, wird deine Theologie am Ende des Tages reformatorisch sein!« —Albert Mohler

Doch zurück zum Thema. Durch meine Arbeit durfte ich in Bezug auf reformatorische Bewegungen im deutschen Evangelikalismus vor allem eines erfahren: Der reformatorische »Aufbruch« in Deutschland ist real! Versteh mich nicht falsch. Es ist nicht vergleichbar mit der Großen Erweckung zu Zeiten Whitefields‘ oder Edwards‘. Nein, es ist kein Massenphänomen. Und es sind und werden auch nicht die neuen »Evangelikalen«. Doch ich darf es auf kleiner Ebene in unserer Gemeinde sehen, in der viele junge Christen erkennen, wie reichhaltig, tief und wahrhaftig die Lehren der Gnade sind. Ich sehe durch meine Arbeit am Magazin junge Männer, die die Lehren der Gnaden umarmen, leben und lieben, ganz gleich, welcher christlichen Prägung sie entstammen. Diese Aussagen tätige ich nicht aufgrund von Statistiken, aber es ist das, was ich zu sehen bekomme und wofür ich Gott jeden Tag dankbar bin. Auch für die unheimlich wertvolle Arbeit, die von Verlagen wie 3L, CLV oder Betanien geleistet wird. Für die ganzen Blogger und nicht zuletzt Initiativen wie E21 oder Josia. Auch das EBTC hat insbesondere im russlanddeutschen Raum dafür gesorgt, dass die Gnadenlehren wieder entdeckt und gelehrt werden. Und natürlich nicht zu vergessen die ganzen Prediger, Pastoren und Gemeinden, die reformiert und reformatorisch ausgerichtet sind, aber nach außen nicht so sichtbar sind. Wer mehr Fakten und eine professionelle Einordnung zum »reformatorischen Aufbruch« haben möchte, dem sei das Buch »Schätze der Gnade – Reformatorische Theologie im 21. Jahrhundert« wärmstens ans Herz gelegt.

Warum schreibe ich das alles? Auf diese »Bewegung« angesprochen fällt vielen bibeltreuen Autoren und Predigern nichts anderes ein, als diese zu verleugnen. Wenn die Bemühungen dennoch gesehen werden, sind die potenziellen »Gefahren« gleich immer überbordend und alles Positive überlagernd. Es scheint, dass viele in einer Vorstellung gefangen sind, in der es scheinbar nichts Positives mehr über die Christenwelt in Deutschland zu berichten geben darf. Wie kann es sein, dass fähige und geistlich sehende Männer Gottes (zurecht) jede kleinste Verirrung im Evangelikalismus sehen und einordnen, aber vor positiven Entwicklungen gänzlich die Augen schließen oder diese gar verdammen? Ja, ich bin auch dafür Irrlehren und Fehlentwicklungen zu sehen und auszumerzen, doch es sollte niemals unseren Blick auf das Wahrhaftige, Ehrbare, Gerechte, Reine, Liebenswerte und Wohllautende verstellen. Nein, wir wollen auf alles Lobenswerte bedacht sein. Wenn wir unsere Augen mal öffnen und Richtung Horizont richten werden wir deutlich sehen, dass es viele sehr fragwürdige Entwicklungen im deutschen Christentum gibt, doch sie werden auch die kleinen Schiffe auf dem Meer sehen, die dem gewaltigen Sturm trotzen und auf dem Weg zum Heimathafen immer mehr Schiffbrüchige an Bord holen.

Der reformatorische Aufbruch ist real. Ganz real. Denn Gott baut seine Gemeinde. Es hat in den letzten Jahren keine Bewegung gegeben, die bibeltreue Christen derart zu einen in der Lage war – alles auf Basis des wahren, echten und unverfälschten Evangeliums. Die Grundlage dieser Einheit ist keine ökumenische Illusion auf Kosten des Evangeliums, sondern basiert ganz und gar auf der frohen und selig machenden Botschaft des Kreuzes. Nein, es ist kein Massenphänomen und wird wohl auch keines werden. Doch jeder, der sich mit hoffnungsvollen Augen eines Nachfolgers umschaut, wird sowohl diesen Aufbruch sehen, als auch die Bemühungen der Geschwister in ganz Deutschland wertschätzen und in sein Gebet mit einschließen. Paulus hat all die Versäumnisse und Sünden in Korinth ermahnend offen gelegt und doch sprach er mit voller Überzeugung: »Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus gegeben ist, dass ihr in allem reich gemacht worden seid in ihm, in allem Wort und in aller Erkenntnis, wie denn das Zeugnis von Christus in euch gefestigt worden ist […]« (1. Korinther 1,4-6). Das Zeugnis von Christus soll in seiner Gemeinde erneut gefestigt werden. Es lebe die Reformation!

Soli Deo Gloria.


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Peter Voth (*1986) ist freiberuflicher Grafiker und gehört zu den Mitgründern des reformatorischen Magazins »Timotheus«.

Dieser Artikel ist exklusiv für diesen Blog verfasst worden.