Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert« (Matthäus 10,34). Wie ist das gemeint und was bedeutet das für uns heute?

»Glückselig die Friedensstifter« (Mt 5,9) ist eine der bekanntesten Schriftstellen über Frieden im Matthäusevangelium. Doch bedeutet gelebtes Christsein immer größtmögliche Harmonie – und wenn es doch Konflikte in unserem Leben gibt, stimmt dann geistlich etwas nicht? Nein, ganz im Gegenteil: In der dritten von insgesamt drei Stellen über Frieden im Matthäusevangelium macht Jesus seinen Nachfolgern keine große Hoffnung auf ein besonders friedevolles Erdendasein. Diese Aussage Jesu, dass er »nicht Frieden, sondern das Schwert« bringt, findet sich in Matthäus 10, der Aussendungsrede Jesu an seine Jünger. Die Zwölf sollen in Israel das Reich Gottes verkündigen, das in Jesus gekommen ist, und somit den ersehnten Schalom-Frieden ins Land tragen und Friedensboten sein: »Wenn nun das Haus [in das ihr kommt] würdig ist, so komme euer Friede darauf, wenn es aber nicht würdig ist, so wende sich euer Friede zurück« (Mt 10,13; das zweite Vorkommen von »Frieden« in Mt).

Auch wenn diese Situation in Matthäus 10 sich nicht eins-zu-eins auf heute übertragen lässt, sondern heilsgeschichtlich einmalig ist (»geht nicht zu den Nationen oder Samaritern, sondern nur zu den verlorenen Schafen Israels«, nach Mt 10,5-6; keine Ersatzkleidung und -sandalen mitnehmen, Vers 10 etc.), finden sich in diesem Abschnitt doch viele allgemeingültige Wahrheiten, die für alle wahren Jünger Christi gelten: z.B. »Wer ausharrt bis ans Ende, wird errettet werden« (10,22; vgl. Mt 24,13), oder »ein Jünger ist nicht über dem Lehrer und ein Sklave nicht über seinem Herrn« (10,24; vgl. Joh 13,16).

Auch Matthäus 10,34 ist ein solcher allgemeingültiger Lehrsatz: »Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Aber ist das nicht eine befremdende, verwirrende Aussage unseres großen »Friedefürsten«, bei dessen Geburt schon die Engel »Frieden auf Erden« verkündeten? Darf man so etwas heute, wo die Angst vor religiös motiviertem Terror grassiert und man sich als Gläubiger hüten muss, nicht in eine gewaltbereite Fundamentalismus-Schmuddelecke geschoben zu werden, überhaupt noch zitieren? Meinte Jesus dies nur bezogen auf die kurze Zeit seines irdischen Wirkens oder vielleicht sogar ganz anders?

Tatsächlich ist es eine wichtige Frage, wie Jesus diese nicht ganz einfach zu verstehende und einzuordnende Aussage gemeint hat. Weder Christen noch Nichtchristen sollten das missverstehen.

Tatsächlich ist es eine wichtige Frage, wie Jesus diese nicht ganz einfach zu verstehende und einzuordnende Aussage gemeint hat. Weder Christen noch Nichtchristen sollten das missverstehen. Natürlich ist Jesus nicht gekommen, um das »Schwert« zu bringen im Sinne eines »heiligen«, aggressiven Gewaltkrieges. Das würde nicht nur der Gesamtbotschaft der Bibel widersprechen, sondern auch dem Zusammenhang dieser Schriftstelle. Auch z.B. der Vers, dass es »ohne Blutvergießen keine Vergebung gibt« (Hebr 9,22) kann losgelöst vom Zusammenhang und ohne biblisches Hintergrundverständnis völlig falsch verstanden werden (eine Gemeinde hatte diesen Halbvers einmal als Aushang im Schaukasten; das kam in der Nachbarschaft nicht so gut an …).

Der Zusammenhang in Matthäus 10

Im Zusammenhang von Matthäus 10,34 geht es darum, dass der Herr Jesus seine Jünger aussendet »wie Schafe mitten unter Wölfe« (10,16), also als wehrlose, gutmütige Botschafter in das Territorium gefährlicher Feinde, als Boten des Reiches Gottes zu den Feinden Gottes (und das in Gottes besonderem Land Israel!). Jesus bereitet sie in dieser Rede auf das vor, was sie erwartet. Wenn sie als Boten von Gottes Friedensreich auf Widerstand stoßen und sogar angegriffen werden, ist das kein unvorhergesehener Unfall, sondern Gottes verordneter Plan. Als Boten des Evangeliums sind sie Friedensstifter, die den Schalom-Frieden mit Gott stiften (V. 13), aber ihr Friedensgesuch wird weitgehend verschmäht werden. Den Jüngern Jesu wird handfeste Verfolgung verheißen (Vers 17f). Am Evangelium von Jesus scheiden sich die Geister; es wird entweder von Herzen angenommen oder intolerant und messerscharf abgelehnt – mit aller Vehemenz. Die Trennung – für oder gegen (den wahren) Jesus zu sein – geht mitten durch Familien: »Es wird aber der Bruder den Bruder zum Tode überliefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich erheben gegen die Eltern und sie zu Tode bringen … Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter« (Verse 21+35). Hier sehen wir, dass das ein Vers zuvor erwähnte »Schwert«, das Jesus »gebracht« hat, hier nicht so sehr als Kampfwerkzeug der Tötung gemeint ist, sondern als Werkzeug der Trennung und Entzweiung (vgl. dazu die Parallele Lk 12,51: »nicht Frieden, sondern Entzweiung«; vgl. Hebr 4,12) bis hinein in die engsten menschlichen Bande der Familie.

Und das Schwert ist nicht so gemeint, dass wir es aktiv einsetzen, sondern passiv erleiden. Die Jünger sollten ja noch nicht einmal Geld oder einen Stab mitnehmen, geschweige denn ein Schwert.

Und das Schwert ist nicht so gemeint, dass wir es aktiv einsetzen, sondern passiv erleiden. Die Jünger sollten ja noch nicht einmal Geld oder einen Stab mitnehmen, geschweige denn ein Schwert (Lk 22,35-36; vgl. Mt 26,52: wer das Schwert einsetzt, wird durchs Schwert umkommen). Unsere Liebe zu Jesus wird daran gemessen, ob wir diese Ablehnung, diesen Konflikt, der sogar unsere Liebsten gegen uns aufbringen kann, und diesen Widerstand um Jesu willen ertragen: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig« (Vers 37). Jesus selbst hat diese Ablehnung und Verfolgung am intensivsten erfahren, bis zum Tod am Kreuz. Sein Sühnungswerk am Kreuz ist einzig und allein sein Werk, niemand sonst hat daran teil. Aber die andere Seite des Kreuzes Jesu ist – nicht nur, dass er für uns gestorben ist, sondern auch, dass wir mit ihm gestorben sind und uns die Welt gekreuzigt ist. Und genau das sagt Jesus in diesem Zusammenhang über die Bedeutung des Kreuzes für alle seine Jünger: »… und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig« (Vers 38). Dass Jesus nicht Frieden, sondern das Schwert gebracht hat, bedeutet für seine Jünger, dass sie wie er den Weg des Kreuzes gehen und in dieser Welt, die von Grund auf Gott feindlich ist, Ablehnung und Verfolgung erleiden.

Die ekklesia militans – die »streitende« Gemeinde

Dass Christen auf der Erde nicht im gesicherten Frieden leben, wird im gesamten NT deutlich. Jesus sagte seinen Jüngern nicht nur für ihren »Aussendungs-Kurzeinsatz« Widerstand voraus, sondern für die gesamte Zeit zwischen seiner Himmelfahrt und Wiederkunft: »Es kommt sogar die Stunde, dass jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst zu tun … In der Welt habt ihr Bedrängnis« (Joh 16,2.33). Paulus „stärkte die Seelen der Jünger«, die sich kurz zuvor erst bekehrt hatten, indem er sagt, »dass wir durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen müssen« (Apg 14,22). »Bedrängnis« bedeutet im Griechischen tatsächlich so viel wie »Druck«, wie man ihn im Gedrängel oder einem Engpass erfährt oder eben durch seelischen oder körperlichen gewaltsamen »Druck« von Gegnern. Es ist das enge Nadelöhr und der schmale Pfad der Nachfolge Jesu. Es ist der Druck, wenn du als Christ gemobbt wirst oder – wie es in Asien auch heute nur allzu oft geschieht – ein aufgebrachter Mob sich gewaltsam über einen Christen hermacht. Paulus sagte das gerade zu den Neubekehrten in Ikonion, die kurz zuvor erlebt hatten, wie es bei der Evangeliumsverkündigung von Paulus zur »Entzweiung« kam (Apg 14,4): Die ablehnenden Juden „reizten und erbitterten die Seelen“ derer, die dem Evangelium zugeneigt waren, und es entstand »ein heftiges Bestreben … [die Apostel] zu misshandeln und zu steinigen« (Apg 14,2.5). Das ist genau das, was Jesus mit dem entzweienden und auch schmerzhaften Schwert meinte, das er gebracht hat.

Die biblische Bestimmung und das Wesen der Gemeinde sind ganz anders: Es gehört zum Wesen der Gemeinde, dass sie das Schicksal ihres Herrn teilt und von der Welt gehasst, benachteiligt und gewaltsam abgelehnt wird.

Die Gemeinde oder Kirche Jesu soll in dieser Zeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft Jesu weder ein politisch herrschendes Gottesreich aufrichten, noch als »Peace«-singende Blumenkinder die Welt zu verbessern versuchen. Die biblische Bestimmung und das Wesen der Gemeinde sind ganz anders: Es gehört zum Wesen der Gemeinde, dass sie das Schicksal ihres Herrn teilt und von der Welt gehasst, benachteiligt und gewaltsam abgelehnt wird. Paulus beschreibt das so, dass er durch seine Leiden »in seinem Fleisch ergänzt, was noch aussteht von den Bedrängnissen des Christus« (Kol 1,24). Bei allem schrecklichen Beigeschmack – ist das nicht ein unfassbares Privileg? Christen sind Teilnehmer an dem großartigen Plan, den Gott seit Ewigkeiten her mit Christus hat! Und wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht (Röm 8,17)!

Der »bedrängte« Weg zum Triumph der ausharrenden, mit Christus verbundenen Gemeinde ist auch die Grundbotschaft des Buches der Offenbarung: Betrachten wir z.B. die »zwei Zeugen« aus Offenbarung 11, die m.E. als Zeugen und Lichter die Gemeinde repräsentieren. Sie stehen in einem messerscharfen Konflikt mit der Welt! Oder noch deutlicher die »Frau« aus Offenbarung 12, die m.E. das gesamte Volk Gottes repräsentiert – aus dem der Messias geboren wurde. Nach dessen Himmelfahrt versucht der Teufel, das Volk Gottes zu vernichten, aber Gott bewahrt es. Der Teufel steht hinter aller Verfolgung, aber letztlich wird er doch nur von Gott zu seinen Zwecken benutzt.

Wir müssen uns als Christen bewusst sein, dass wir ständig in einem heftigen Konflikt mit dem Teufel und der Welt um uns her befinden.

In der Theologie spricht man hier von der »ecclesia militans« – der »streitenden Gemeinde, das ist die gesamte Gemeinde von jetzt lebenden Gläubigen im Unterschied zur »ecclesia triumphans«, der triumphierenden Gemeinde einst bei Christus. Beide werden im Buch der Offenbarung beschrieben. Die ecclesia triumphans ist unser großartiges Ziel, aber auf dem Weg dorthin sind wir die ecclesia militans. »Militans« bedeutet dabei aber nicht »militärisch« – diesen Beiklang hat das lateinische Wort militans erst später bekommen – sondern einfach »streitend« im Sinne von »in einem Konflikt stehend«. Wir müssen uns als Christen bewusst sein, dass wir ständig in einem heftigen Konflikt mit dem Teufel und der Welt um uns her befinden. Das betrifft sehr viele unserer täglichen ethischen Entscheidungen und unserer alltäglichen, vielleicht sehr engen mitmenschlichen Beziehungen.

Wir sind auf der Seite des Siegers

Doch das Leben als Christ soll keine reine Tortur sein und die Nöte der Nachfolge sind kein Zweck in sich selbst. Alles Leid und aller Konflikt macht nur Sinn im Hinblick auf die Verherrlichung Gottes. Die Bedrängnisse werden dagegen nicht ins Gewicht fallen, aber zeigen jetzt »die Bewährung eures Glaubens« als »viel kostbarer als Gold, das durch Feuer erprobt wird« (1Petr 1,7). Wir können den Weg durch diese feindliche Welt nur gehen, wenn wir aus unserem tiefen Frieden mit Gott schöpfen, dessen wir im Glauben gewiss sind. Die Großartigkeit, mit Gott versöhnt zu sein, ist unendlich größer als jeder Schrecken irdischer Konflikte. Jesus sagte nicht nur, »in der Welt habt ihr Bedrängnis«, sondern im selben Atemzug: »… aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden« (Joh 16,33). »Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?« (Röm 8,31; vgl. 1Kor 15,57). Das Schwert aus Mt 10,34 kann vieles trennen und zerschlagen, aber nichts kann uns von Christus und seiner Liebe trennen.

Wir sollen Friedensstifter sein, insbesondere durch das Evangelium, aber Frieden mit Gott zu stiften und Seelen aus dem Reich der Finsternis zu reißen, wird unweigerlich auf der anderen Seite zu Konflikten führen. Diese Konflikte ausharrend zu ertragen, erweist unseren Glauben als echt und bewährt.

Zusammenfassend können wir sagen: Wir sollen zwar, »was an uns liegt, mit allen Menschen im Frieden leben« (Röm 12,18), aber nicht alle Menschen werden uns Christen in Frieden lassen. Wir sollen Friedensstifter sein, insbesondere durch das Evangelium, aber Frieden mit Gott zu stiften und Seelen aus dem Reich der Finsternis zu reißen, wird unweigerlich auf der anderen Seite zu Konflikten führen. Diese Konflikte ausharrend zu ertragen, erweist unseren Glauben als echt und bewährt. Im Leid sind wir mit Christus verbunden, der bald siegriech wiederkommen wird. »Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter euren Füßen zertreten.« (Röm 16,20).

Vorschläge zum Weiterstudieren:
  • Hat das »Schwert« in Mt 10,34 auch etwas mit dem „Schwert des Wortes/Geistes“ (Eph 6,17) zu tun, das wir aktiv einsetzen sollen?
  • Studiere die Vorkommen der Begriffe »Verfolgung« und »Bedrängnis« (andere Übersetzungen: »Drangsal«, »Trübsal«) im NT. Welche Bücher/Briefe thematisieren das besonders?
  • Das Wort »Entzweiung« bzw. »Zwiespalt« kommt z.B. vor in Joh 7,43; 9,16; 10,16; 1Kor 1,10; 11,18; 12,25. Erkläre: Was ist der Unterschied zwischen dem »Zwiespalt« im Johannesevangelium und dem im 1. Korintherbrief? Sollen wir als Christen versuchen, alle solche Konflikte unbedingt zu vermeiden oder nur eine bestimmte Art von Zwietracht? Wenn nein, warum nicht; wenn ja, wie?

Hans-Werner Deppe ist Ehemann und Vater von zwei Söhnen. Er ist Gründer und Leiter des Betanien Verlags und des christlichen Onlineshops cbuch.de.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#4 Frieden« (3/2011) erschienen.

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