»Wer bin ich?« —2. Mose 3,11

Wenn wir zum Stichwort »Nachfolger« biblische Personen nennen müssten, würden wir vielleicht Petrus, Paulus oder Timotheus erwähnen. Die Genannten können mit Sicherheit als wunderbare Illustrationen für Nachfolge dienen. Das Adjektiv »treu« würden wir den Jüngern ohne Zögern verleihen. Doch was ist mit Männern wie Jona, Salomo oder Mose. Bei Mose lief noch lange nicht alles so »glatt«. Moses Anfänge im Dienst für den Gott Israels sind einer näheren Betrachtung würdig. Das Beispiel Moses ist mehr als interessant und auch heute relevant in Bezug auf die Nachfolge.

Ich möchte keine ausführliche Biografie verfassen. Mein Bestreben ist es anhand seines Lebens aufzuzeigen, welche »Art« Nachfolger er war. In vielerlei Hinsicht ist Mose ein wirklich unpassendes Beispiel für die Nachfolge. Betrachten wir das Leben Moses näher, werden wir vieles entdecken, was uns ihn nicht als treuen Nachfolger erscheinen lässt. Mose lebte 120 Jahre. Eigentlich war er »nur« ein Drittel seiner Lebens ein »Nachfolger« Gottes. Gott berief ihn erst im Alter von 80 Jahren in den Dienst. Betrachten wir heute einen gewöhnlichen Achtzigjährigen, so meinen wir oft, er könne bereits mit dem Leben abschließen. Dazu kommt noch, dass Mose ein Mörder war und vierzig Jahre im Exil lebte. Sind das gute Voraussetzungen für einen Nachfolger Gottes? Bei der Betrachtung seines Lebens muss einem vor allem eins bewusst werden: Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Gott waltet souverän und frei. Alles ist in seiner Hand. Diese Geschichte zeigt die Souveränität Gottes auf besondere Weise. Wenn du meinst, Gott könne dich nicht als Nachfolger gebrauchen oder du seist unfähig zum Dienst, dann ist dieser Artikel für dich geschrieben.

Mose wuchs überhaupt nicht wie ein gewöhnlicher Israelit seiner Zeit auf. Während seine Landsleute als Sklaven im ägyptischen Exil leiteten, genoss er das Privileg am königlichen Hof des Pharaos aufzuwachsen. Die ersten vierzig Jahre waren aus menschlicher Sicht seine »glücklichsten«. »Mose wurde in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet und war mächtig in Worten und in Werken« (Apg 7,22). Er genoss alle Privilegien seiner Zeit, war gelehrt, intelligent und begabt. Doch die ganze Sache hatte einen Haken, er war Israelit. Als ein Mann vom hohen Rang Ägyptens sah er natürlich das Leid seiner Landsleute. Einmal beobachtete Mose einen Ägypter, der einen Hebräer erschlug. Kurzerhand tötete Mose den Ägypter (2. Mose 2,12). Als diese Tat bekannt wurde, trachtete der Pharao Mose nach dem Leben. So flüchtete Mose nach Midian. Seine gesellschaftliche Stellung, sein Wohlstand, seine Vorrechte und sein Ansehen waren weg. Mit vierzig Jahren musste er von vorne anfangen. Mose wurde ein einfacher Hirte. Ein unglaublicher Abstieg. In so einer Lage, von allen abgeschrieben und verachtet, scheinbar für alles weitere disqualifiziert, schreitet Gott ein. Genau genommen schreitet er erst vierzig Jahre später, wie bereits erwähnt, im Alter von 80 Jahren, ein. Als Mose mal wieder seine Schafe hütete, offenbarte sich Gott Mose wie keinem anderen, davor und danach. Durch einen brennenden Busch, rief Gott zum Hirten: »Mose, Mose!« (2. Mose 3,4). In diesem Moment berief Gott den fast vergessenen Mose. Das, was Mose antwortete, lässt auf einen entschlossen, zu allem bereiten Diener schließen, der nach 40 Jahren Schafehüten endlich wieder eine neue Herausforderung bekam. Es sollte ganz anders kommen. Mose entgegnete: »Hier bin ich!« (2. Mose 3,4). Scheinbar ohne zu Zögern und Zweifel, sagt er diese drei Worte, als ob er sich Gott sofort ausliefert und zu allem bereit wäre. Doch wie gesagt, es sollte anders kommen. Als Gott sich als solcher offenbart, verbirgt Mose sein Angesicht voller Gottesfurcht. Dies muss Mose in Anbetracht der folgenden Ereignisse auf jeden Fall zugute gehalten werden. Er war gottesfürchtig (2. Mose 3,6). Es ist jene, heutzutage weit unterschätzte und doch sehr notwendige Eigenschaft, um Gott wohl zugefallen.

Die Eigenschaft der Gottesfurcht ist heute in der Welt verachtet und jemand der sie besitzt, gilt als rückständig, zurückgeblieben oder ungebildet. In diesem Kontext fällt mir 1. Korinther 1, 26-29 ein: »Seht doch eure Berufung an, ihr Brüder!« Mose wurde von Gott am Dornenbusch berufen »Da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme; sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt«. Erst als Mose die Weisheit der Ägypter verlassen hatte, nicht mehr vornehm war und keine Macht mehr hatte, berief ihn Gott. Nur als »Toren« konnte Gott Mose gebrauchen, »um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich vor ihm kein Fleisch rühme.« Hier sehen wir die Handschrift Gottes ganz deutlich. Er hat sich nicht verändert. Genauso wie es an Gott lag, durch den schwachen, achtzigjährigen Hirten Mose das verachtete Sklavenvolk der Hebräer aus der Gefangenschaft der Mächtigen Ägypter zu befreien, so liegt es heute immer noch an Gott, wer in den herrlichen Genuss seiner Kindschaft gelangt. Durch all diese Dinge, klingt diese unmissverständliche Aussage: »damit sich vor ihm kein Fleisch rühme.« (1. Korinther 1, 29).

Doch zurück zu Gottes Ruf in die Nachfolge. Gott präsentierte Mose sofort den Grund für seine Berufung. Und der war nicht weniger als eine der größten Aufgaben der Menschheitsgeschichte. »So geh nun hin! Denn ich will dich zu dem Pharao senden, damit du mein Volk, die Kinder Israels, aus Ägypten führst!« (2. Mose 3,12). Mose dachte wahrscheinlich genau das, was wir auch denken würden. Gut, wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Aber würden wir einem achtzigjährigen Hirten eine Mammutaufgabe aufbürden, die an heutigen Maßstäben gemessen, wahrscheinlich Führungskraft, diplomatisches Geschick und ein unheimliches Organisationstalent benötigen würde? Wie wir eben aus dem 1. Korintherbrief erfahren haben, hat Gott das Schwache erwählt. Genau das hat er bei Mose getan. Ich hätte angesichts dieser großen Aufgabe genauso geantwortet wie Mose, der sagte: »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und dass ich die Kinder Israels aus Ägypten führen sollte?« (2. Mose 3,11). Wenn wir schwierigen Herausforderungen und Aufgaben in der Nachfolge gegenüberstehen, wollen wir Gott irgendwie überreden, dass wir ja unfähig und nicht in der Lage sind, Unmögliches zu schaffen. Was bei Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott!

»Ich will mit dir sein« (2. Mose 3,12) war die Reaktion auf Moses Einwand. Gott versprach Mose seinen Beistand. Haben nicht auch wir Gottes unumstößliche Verheißungen in seinem Wort? Wir müssen uns weder fürchten noch sorgen und doch zweifeln wir. Mehrmals noch versuchte Mose Gott zu überzeugen, dass er nicht der Richtige für die Aufgabe sei. Zuerst befürchtete Mose, dass ihm keiner Glauben schenken würde (2. Mose 4,1), dann verwies er auf seine mangelnde Rednergabe (2. Mose 4,10). Mose wusste, dass Gott alle seine Sorgen und Unfähigkeiten kannte, doch sein Fleisch widerstrebte. Genau wie wir heute wissen, was im Wort Gottes steht, aber oft nicht so wandeln, weil wir uns im Krieg (wie J.C. Ryle es ausdrückt) mit dem Fleisch befinden. Schließlich ging Mose doch und gehorchte. Mose versuchte zwar immer wieder mit Gott zu »verhandeln«, doch Gott machte seinem Diener Mut und verwies darauf, dass er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der souveräne Herrscher über alle Dinge sei (2. Mose 6).

War Mose ein treuer Nachfolger?

Mose führte das Volk Israel aus Ägypten und 40 Jahre treu durch die Wüste. Er durfte das verheißene Land Kanaan nicht betreten, weil er ungehorsam war, doch er war dem Herrn treu bis zum Schluss. Allerdings wissen wir auch um Moses Anfänge im Dienst mit allen Zweifeln, Nöten und Ängsten. Sein Vertrauen wuchs und wahrscheinlich war er der Mensch, dem sich Gott auf dieser Erde am meisten offenbarte und öffnete. Mose soll uns ein Beispiel und Trost sein. Eine Bestätigung, dass Gott durch das Schwache wirkt. Ein treuer Diener ist kein Superchrist, der jede Herausforderung mit Leichtigkeit und Freude annimmt. Er ist keiner, der ohne Angst, Zweifel und Sorgen in der Nachfolge des Herrn ist. Ganz und gar nicht. Er ist jemand, der trotz allem geht obwohl er sich seiner Makel und Fehler bewusst ist. Er hält sich für unwürdig und unfähig. Er zieht jeden Tag in den Krieg gegen sein Fleisch, die Welt und den Teufel. Er ist einer, der bis ans Ende ausharrt in Christus. Wie Mose.


Peter Voth (*1986)

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#1 Nachfolge« (01/2010) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – kann online gratis gelesen werden. Für diese Online-Veröffentlichung wurde der Text leicht überarbeitet. Entdecke weitere Ausgaben zu grundlegenden Themen des christlichen Glaubens in unserem Archiv.

Titelbild von Tim de Groot

AboFooter-01

Vielen Dank für dein Interesse. Unsere Arbeit kannst du durch ein Abo bestmöglich unterstützten!