»So kann auch keiner von euch mein Jünger sein, der nicht allem entsagt, was er hat.«  —Lukas 14,33

Es kommt nicht darauf an, was du über den Bibelvers denkst. Deine Meinung ist letztlich unwichtig. Maßgebend sind Gottes Gedanken und Absichten in Bezug auf den genannten Vers. Dein und mein Ziel soll es daher sein, die rechte geistliche Bedeutung zu erkennen, die Gott in diesen Satz hineingelegt hat. Die Vielfalt an verschiedenen Auslegungen zu einem einzigen Bibeltext ist bestenfalls ein Ausdruck von Gelehrsamkeit, aber niemals das Ergebnis geistlicher Erleuchtung.

Der genannte Vers ist Teil einer Rede Jesu vor einer großen Volksmenge. In dieser Rede konfrontiert Jesus die Menge mit den Kosten der Nachfolge. Diese Vorgehensweise zeigt deutlich, dass es ihm in erster Linie nicht um die Masse sondern um die konsequente Nachfolge des einzelnen geht. Obwohl er sich an eine große Menge wendet, die mit ihm geht, spricht er von dem einzelnen: ›jemand‹, ›jeder unter euch‹, ›der‹ und ›er‹. Jeder soll sich hinsichtlich der Kosten wahrer Jüngerschaft bewusst sein und diese überschlagen, bevor er in die Nachfolge Jesu eintritt. Ein leichtfertiger Eintritt in die Nachfolge ist verkehrt.

Was sind die Kosten der Nachfolge für einen wahren Jünger Jesu? Ausgehend von dem obigen Bibelvers lautet die Antwort: Alles, was er hat. Das Wort »alles« umfasst die gesamten Besitztümer in materieller, geistiger und sozialer Hinsicht. Nichts darf außen vor bleiben. Eigene Pläne und Ziele gehören genauso dazu wie finanzielles Vermögen und die eigene berufliche Stellung.

Was soll nun mit diesen Besitztümern geschehen? Der Jünger hat die Aufgabe, sich von seinen Besitztümern zu entsagen. Offensichtlich geht es hier nicht nur darum, den guten Willen oder die Bereitschaft dazu zu haben – das wäre eindeutig eine Abschwächung der strikten Forderung. Das Entsagen soll wirklich vollzogen werden.

Er hat seinen Beruf aufgegeben und ging anschließend mit seiner Familie als Missionar nach Persien. Dabei vertraute er dem Herrn, dass er für alle seine zeitlichen Bedürfnisse sorgen würde.

Hier stellt sich allerdings die Frage, in welcher Form soll es geschehen? Soll der Jünger beispielsweise sein ganzes Hab und Gut verkaufen? Dieser Gedanke ist zweifellos radikal. Allein im Lukasevangelium kommt dieser Gedanke an mindestens zwei weiteren Stellen deutlich zum Ausdruck. In Lukas 12,33 sagte Jesus seinen Zuhörern: »Verkauft eure Habe und gebt Almosen!« und den reichen Jüngling forderte Jesus auf: »Verkaufe alles, was du hast, und verteile es an die Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!« (Lukas 18,22). Weiter bezeugt Petrus vor dem Herrn: »Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt« (Matthäus 19,27). Von der Urgemeinde heißt es: »sie verkauften die Güter und Besitztümer und verteilten sie unter alle, je nachdem einer bedürftig war« (Apostelgeschichte 2,45). Auch in den letzten Jahrhunderten haben sich viele Gläubige buchstäblich allem entsagt. Zu ihnen gehört Antony Norris Groves, der im 19. Jahrhundert als Zahnarzt in England ein hohes Einkommen erzielte. Mit seiner Frau kam er zu dem Entschluss, dass sie »aufhören müssten, Schätze auf Erden zu sammeln, und dass sie ihr gesammeltes beträchtliches Einkommen ganz dem Herrn weihen sollten – zu seinem Dienst«. Er hat seinen Beruf aufgegeben und ging anschließend mit seiner Familie als Missionar nach Persien. Dabei vertraute er dem Herrn, dass er für alle seine zeitlichen Bedürfnisse sorgen würde.

Vom Urtext her betrachtet kann anstelle von ›entsagen‹ auch der Begriff ›wegstellen‹ verwendet werden. Bemerkenswert ist, dass sich der griechische Begriff für ›entsagen‹ zusammensetzt aus zwei Wörtern, von denen das erste Wort mit ›von‹ übersetzt werden kann und das zweite Wort mit ›geordnet aufstellen‹. Demnach hat Lukas 14,33 die Bedeutung, dass der Jünger all seine Besitztümer von sich wegstellt an ihren richtigen Platz. Er darf ihnen nicht erlauben, ihn in der Nachfolge zu behindern.

Vieles in dieser vergänglichen Welt kann für dich zum Verhängnis werden und deiner Seele einen ewigen Schaden zufügen. Als der reiche Jüngling die Forderung Jesu »hörte, wurde er ganz traurig, denn er war sehr reich. Als aber Jesus ihn so sah, dass er ganz traurig geworden war, sprach er: Wie schwer werden die reichen ins Reich Gottes hineinkommen. Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt« (Lukas 18,23-25). Die Reaktion des jungen Mannes auf die Forderung Jesu offenbart deutlich, dass seine Güter, einen höheren Stellenwert in seinem Leben hatten als der Herr selbst. Er war nicht bereit, die Kosten der Nachfolge zu tragen – zumindest in den Evangelien wird nicht davon berichtet, dass er die Forderungen Jesu erfüllt hätte.

Der Herr erhebt den Anspruch, in deinem Leben den ersten Platz einzunehmen. Er will den absoluten Vorrang haben.

Der Herr erhebt den Anspruch, in deinem Leben den ersten Platz einzunehmen. Er will den absoluten Vorrang haben. Im Klartext heißt es: Deine Pläne und Wünsche sollen seinem Plan für dein Leben untergeordnet sein. Dein ganzes Vermögen soll ihm geweiht sein. Seine Ehre soll dir wichtiger sein als deine eigene Ehre. Wen du diese Bedingung zur Nachfolge nicht erfüllst, dann kannst du schlichtweg nicht sein Jünger sein. Diese Konsequenz hat Jesus unmissverständlich betont. Hier gibt es keine Grauzone. Seine Worte lassen keinen Spielraum offen für eine beschränkte Nachfolge, die von ihm akzeptiert wird. Deutlich unterstreicht er das Prinzip: Ganz oder gar nicht! Deine halbherzige Nachfolge ist in deinen Augen möglicherweise kein Grund zur Sorge, aber für den Herrn ist sie nicht annehmbar. John MacArthur bemerkt zu Lukas 14,33 sehr treffend, dass es um viel mehr geht »als nur Verzicht auf materielle Güter, nämlich um bedingungslose Lebensübergabe. Ein Jünger darf keine Sonderrechte beanspruchen und kann keine Bedingungen stellen. Sie dürfen an keiner Lieblingssünde festhalten, keinen irdischen Besitz ansammeln und keinen heimlichen Vorlieben frönen. Sie müssen sich ihm vorbehaltlos ausliefern.«

Vater, lass mich schwach sein, auf dass ich die Kraft verliere zum Umklammern von weltlichen Dingen. Mein Leben, mein Ansehen, mein Besitz – Herr, nimm hinweg von mir die Neigung meiner Hand zum Ergreifen und Festhalten. Ach, dass doch von mir wiche das Verlangen schon nach dem bloßen Streicheln.

Lukas 14,33 soll in deinem Leben nicht nur Theorie sein, sondern Wirklichkeit. Ein großes Vorbild für die praktische Umsetzung des Verses ist Jim Elliot. In sein Tagebuch schrieb er: »Vater, lass mich schwach sein, auf dass ich die Kraft verliere zum Umklammern von weltlichen Dingen. Mein Leben, mein Ansehen, mein Besitz – Herr, nimm hinweg von mir die Neigung meiner Hand zum Ergreifen und Festhalten. Ach, dass doch von mir wiche das Verlangen schon nach dem bloßen Streicheln. Wie oft habe ich den festen Griff gelockert, nur um mir das zu erhalten, was ich in ›harmlosem‹ Verlangen so schätzte – das streichelnde Berühren. Nein, öffne vielmehr meine Hand zum Aufnehmen des Kreuzigungsnagels, Vater, wie die Hand Jesu Christi – auf dass ich, indem ich alles loslasse, selber losgelassen werde, los von allem, was mich jetzt noch bindet. Auch bei ihm (Jesus) war das Sinnen und Trachten auf den Himmel gerichtet, ja, auf die Gleichheit mit Dir, nicht auf Dinge, die man umklammert. So gib denn, Vater, dass ich loslasse.«


Waldemar Dirksen (*1982) ist Mitbegründer und Mitherausgeber des Timotheus Magazins. Er ist regelmäßiger Autor des Heftes und arbeitet hauptberuflich als Lehrer. Titelbild von Beata Ratuszniak.

Dieser Artikel ist erstmals in unserer Ausgabe »#1 Nachfolge« (01/2010) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – kann kostenlos online gelesen werden.

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