»Amazing grace, how sweet the sound / That saved a wretch like me! / I once was lost, but now I am found, / Was blind, but now I see.« (dt. »Unglaubliche Gnade, wie süß der Klang, / Die einen armen Sünder wie mich errettete! / Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, / War blind, aber nun sehe ich.«) Jeder kennt diese Zeilen; die wohl bekannteste Hymne der Christenwelt ist auch heute, Jahrhunderte nach deren Entstehung in aller Munde. Die Geschichte des Liedes und des Dichters von »Amazing Grace« (dt. »Erstaunliche Gnade«), John Newton, ist in letzter Zeit durch Film und Literatur zunehmend bekannter geworden. Wenn man von der biblischen Lehre der absoluten Verdorbenheit des Menschen spricht und zugleich von der bedingungslosen Liebe und Gnade Gottes, dann muss die Geschichte von John Newton neu erzählt werden. Es ist allein das Wort Gottes, das uns in alle Wahrheit führt. Manchmal jedoch sind es bemerkenswerte Lebensbilder wie die von Martin Luther, Johannes Calvin, Georg Müller, David Brainerd oder auch John Newton, die uns bestimmte biblische Lehren der heiligen Schrift und das Handeln Gottes näher bringen können.

John Newton war ein Mann des 18. Jahrhunderts und ein Zeitgenosse der weithin bekannten Erweckungsprediger George Whitefield, John Wesley und Jonathan Edwards (Johns Begeisterung für George Whitefield sollte ihm später den Spitznamen »Kleiner Whitefield« einbringen). Er wurde am 24. Juli 1725 in London geboren. Seine Mutter galt als gottesfürchtig, wohingegen sein Vater, der seinen Unterhalt als Schiffskapitän verdiente, ungläubig war. Newtons Vater war sehr streng und ließ es seinen Sohn spüren. Dieser Umstand machte Johns Kindheit nicht gerade leicht, vor allem wenn man bedenkt, dass seine Mutter starb, als er 6 Jahre alt war. Schon sehr früh folgte John seinem Vater auf den Weltmeeren. John Newton besuchte nur zwei Jahre lang eine Schule und eignete sich sein Wissen selbstständig an. Er war ein Autodidakt1 und sollte bis zu seinem Tod einer bleiben. Damit gehörte er zu den Männern jener Zeit, die sich eine erstaunliche Bildung aneignen konnten, ohne wirklich die Schule besucht zu haben2. Im Alter von 18 Jahren musste John als Marinesoldat zur See, was sich negativ auf seinen Charakter auswirkte. In der Folgezeit verrohte seine Moral. Er war ein Soldat, dem Flüche und Gotteslästerungen schnell über die Lippen gingen. Newtons Biograf Richard Cecil schrieb über diese Zeit: »Durch den Umgang mit den Kameraden, die er dabei traf, wurden seine Prinzipien vollständig zu Grunde gerichtet.« John erinnerte sich später: «Ich war zu allem fähig; ich hatte nicht einmal mehr die geringste Gottesfurcht, und auch mein Gewissen war völlig verhärtet (soweit ich mich erinnere).« Im Alter von 22 Jahren sollte sich sein Leben entscheidend verändern. In einer unruhigen Nacht auf See wurde sein Schiff von einem furchtbaren Sturm überrascht. Er glaubte nicht daran, den Sturm zu überleben. Dies war für ihn der Grund, zum ersten Mal über sein Seelenheil nachzudenken. Als alter Mann schrieb er über dieses Ereignis: „Ich meinte zu erkennen, wie Gottes Hand alles zu unseren Gunsten lenkte. Ich begann zu beten: Ich konnte kein Gebet des Glaubens sprechen; ich konnte mich nicht einem Gott nahen, mit dem ich versöhnt war, und ihn Vater nennen … die trostlosen Grundsätze der Gottlosigkeit hatten sich tief in mein Leben eingegraben. … Die große Frage war jetzt, wie ich zum Glauben gelangen konnte.« Von nun an hatte er eine Abneigung gegen das gottlose Leben und John war sich bewusst, dass er einen rettenden Heiland brauchte: »Ich erkannte die Gnade des Herrn an, die mir meine Vergangenheit vergab, aber für die Zukunft stützte ich mich hauptsächlich auf meine eigene Entschlossenheit, mich zu bessern. … Ich kann nicht sagen, dass ich damals schon ein Gläubiger (im vollen Sinne des Wortes) war. Dies geschah erst einige Zeit später.« Nicht lange nach jener Nacht, wurde er Kapitän eines Sklavenschiffs, was er in seinen reifen Jahren jedoch bitter bereute. Mit 24 Jahren heiratete er seine Jugendliebe Mary; ein halbes Jahr später starb sein Vater. Seine Ehe mit Mary sollte keine Kinder hervorbringen, das Ehepaar adoptierte allerdings zwei Kinder. Vier Jahre nach seiner Hochzeit hatte Johns Seemannsleben wegen eines epileptischen Anfalls ein Ende. Newton sollte fortan kein Schiff mehr betreten. Von nun an war John Newton als Zollbeamter in Liverpool tätig. Die nächsten 14 Jahre widmete er sich vor allem dem Studium der heiligen Schrift – in den Originalsprachen wohlgemerkt. Zudem befasste er sich mit den besten Theologen in Latein, Englisch und Französisch. In dieser Zeit des Studierens kam Newton zu einem festen Lehrverständnis. Der Autodidakt wurde ein überzeugter 5-Punkte-Calvinist: »Die Sichtweisen, die ich bezüglich der Gnadenlehren gewonnen habe, sind für meinen Frieden von entscheidender Bedeutung; ohne sie könnte ich nicht einen Tag, nicht einmal eine Stunde, in Ruhe leben. Ebenso glaube ich … dass sie der Heiligkeit entsprechen und in direkter Weise ein Gespräch über das Evangelium anregen und es aufrechterhalten. Deshalb darf ich mich ihrer nicht schämen.«

»Die Sichtweisen, die ich bezüglich der Gnadenlehren gewonnen habe, sind für meinen Frieden von entscheidender Bedeutung; ohne sie könnte ich nicht einen Tag, nicht einmal eine Stunde, in Ruhe leben. Ebenso glaube ich … dass sie der Heiligkeit entsprechen und in direkter Weise ein Gespräch über das Evangelium anregen und es aufrechterhalten. Deshalb darf ich mich ihrer nicht schämen.« —John Newton

1764 wurde Newton im Alter von knapp 39 Jahren in den Dienst des Pastors berufen, was er sich insgeheim seit langem erhofft hatte. Nach 16 Jahren in der anglikanischen Gemeinde zu Olney folgte Newton dem Ruf der Gemeinde in St. Mary’s Woolnoth in London, wo er die nächsten 27 Jahre bis zu seinem Tod im Alter von 82 Jahren als Pastor diente. Pastor Newton hatte einen enormen »Output«. Er schrieb in seinem Leben über 300 Hymnen, von denen die bekannteste sicherlich »Amazing Grace« ist. Oberflächlich gesehen waren seine Jahre nach dem Ende seines Seelebens eher ereignislos. Was ist es also, was uns an der Person John Newton besonders im Hinblick auf die Sünde fasziniert?

Es ist das beeindruckende Zeugnis des John Newton, der sich seit seiner Bekehrung jeden Tag mehr seiner Verdorbenheit und Sündhaftigkeit bewusst war. Das Zeugnis war gerade kein großes Ereignis mit »Wundern« und atemberaubenden Erlebnissen und »Offenbarungen«. Für John war die Gnade Gottes das größte Wunder und die größte Offenbarung seines Lebens: Der Christ »kennt und spürt seine eigenen Schwächen und seine Unwürdigkeit, und er lebt von der Gnade und der vergebenden Liebe seines Herrn. Das verleiht ihm eine gewohnheitsmäßige Güte und liebenswürdige Geisteshaltung. Demütig in dem Wissen, selbst viel Vergebung erfahren zu haben, fällt es ihm leicht, auch anderen zu vergeben.« Newtons Bewusstsein für seine eigene Sünde und die rettende Gnade Gottes wird sich bis zu seinem Ende wie ein roter Faden durch sein Leben ziehen und seinen Wandel mit Christus tiefgreifend prägen. Dies können wir auch seinem Testament entnehmen, in dem es unter anderem heißt: »Ich befehle meine Seele meinem Gnädigen Gott und Heiland an, der mich in seiner Barmherzigkeit verschonte und bewahrte, als ich ein Abtrünniger, Gotteslästerer und Ungläubiger war. Er rettete mich an der Küste Afrikas aus meinem elenden Zustand, in den mich meine hartnäckige Bosheit gebracht hatte. Ihm hat es gefallen (obschon ich völlig unwürdig war), mich sein herrliches Evangelium predigen zu lassen.«

Wenn du die Gnade Gottes erfahren hast, dann sei dir deiner Sündhaftigkeit mehr denn je bewusst, damit du deinem Retter für seine unfassbare Gnade mehr denn je danken kannst. Wenn du die Gnade Gottes noch nicht erfahren hast, dann sei dir über deinen Stand als verlorener Sünder im Klaren und über die Tatsache, dass nur Jesus Christus allein der Ausweg ist, damit du einst mit vollem Herzen zustimmen kannst: »Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, war blind, aber nun sehe ich«. Ich möchte diesen Artikel mit einem Ausschnitt aus der Grabinschrift Newtons schließen, die er selbst verfasst hat und die uns über den Menschen Newton das wichtigste in einem Satz vermittelt: »John Newton, Prediger, einst ungläubig und zügellos, im Dienst der Sklaverei in Afrika, der durch die reiche Gnade unseres Herrn und Heilands Jesus Christus bewahrt, wiederhergestellt und begnadigt sowie berufen wurde, den Glauben zu verkündigen, den er lange zu vernichten suchte.«


Peter Voth (*1986) ist Redakteur und Art Direktor des Timotheus Magazins. Peter auf Twitter: @petervoth

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe »#3 Sünde« (2/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist nach wie vor in unserem Shop erhältlich. Entdecke weitere Ausgaben zu grundlegenden Themen des christlichen Glaubens in unserem Archiv.

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