Der deutsche Missionar und Gemeindegründer, Johann Gerhard Oncken (1800-1884), gilt als Vater des kontinentaleuropäischen Baptismus. Im Laufe seines Lebens gründete der »Apostel Deutschlands«, wie Charles Haddon Spurgeon ihn zu nennen pflegte, hunderte Gemeinden in zahlreichen Ländern Europas.

Gott teilt seine Ehre mit niemand anderem (Jesaja 42,8). Gedenken wir darum Glaubenshelden, wie Johann Gerhard Oncken, so tun wir dies nicht, um Menschen zu rühmen, sondern um Gott allein die Ehre zu geben. Der Baptistenprediger Paul Washer bringt es auf den Punkt: »Es gibt keine großen Männer Gottes. Es gibt nur erbärmliche, schwache und sündige Männer eines großen und barmherzigen Gottes.«

Vor einigen Monaten besuchte ich die Ruhestätte des umstrittenen Methodistenpredigers John Wesley in London. Was immer man von Wesley auch halten mag, sein Grab ziert ein wichtiger Ausspruch, den es zu verinnerlichen gilt, sooft wir die Biographien von Männern und Frauen Gottes studieren:

»Fühlst du dich gedrängt, das Instrument zu preisen, so gib Gott die Ehre.«

Wer rühmt schon bei einem klassischen Konzert die Geige? Man rühmt den Geiger. So wollen auch wir allein Gott die Ehre und den Dank geben, wenn wir lauschen, was Gott zu seinem eigenen Lobpreis auf seinem Instrument Oncken spielte.

Das Törichte der Welt hat Gott erwählt

Es ist nicht entscheidend, wo wir herkommen. Entscheidend ist vielmehr, was Gott mit uns vorhat. Oncken wurde am 26. Januar 1800 als uneheliches Kind von einer alleinerziehenden Mutter in Varel an der Nordsee geboren. Ein schottischer Kaufmann erbarmte sich über den ärmlichen und perspektivlosen Vierzehnjährigen und nahm ihn in seine Lehre. In Schottland erlebte Oncken zum ersten Mal, was wahre Gottesfurcht bedeutet. Er besuchte regelmäßig den Gottesdienst der Reformierten Kirche und begann, geistliche Literatur zu lesen. Im Jahre 1820 nahm Oncken an einem privaten Familiengottesdienst in England teil. Völlig überrascht und zutiefst bewegt wurde er hier von dem Gebet des knienden Familienvaters, der für Onckens Bekehrung flehte. Auch eine Predigt, die er in London hörte, traf ihn mitten ins Herz, so dass Oncken schließlich durch Gottes Gnade zur rettenden Erkenntnis von Christus als seinem Erlöser durchdrang.

Gerettetsein gibt Rettersinn

In London geschah, was das Leben hunderttausender Menschen verändern sollte: In Oncken entbrannte die unauslöschliche Leidenschaft für die Verlorenen. In großer Freude über Christus, seinen Retter, begann Oncken, das Evangelium vor den Menschen zu bezeugen. Sein Taschengeld, welches er für seine täglichen Mahlzeiten erhielt, gab er nun fast ausschließlich für Traktate aus. Oncken ging von Haus zu Haus, verbreitete Bibeln und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um Christus bekannt zu machen. Nach einiger Zeit des erwartungsvollen Betens schenkte Gott, dass die ersten Menschen zum rettenden Glauben kamen. In dem Vertrauen auch weiterhin von Gott gebraucht zu werden, entschloss sich Oncken 1823, den Kaufmann zu verlassen und von nun an allein für das Reich Gottes zu arbeiten. Oncken schloss sich der Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Hamburg an und verkündigte die frohe Botschaft in privaten Versammlungen. Es gefiel Gott, die Predigt seines Wortes zu gebrauchen: Menschenmassen strömten herbei und zahlreiche Sünder taten unter Tränen Buße.

Im Jahre 1828 gründete Oncken eine christliche Buchhandlung und heiratete die Engländerin Sarah Mann. Schon bald darauf wurde Oncken Vater und entschloss sich, entgegen der damals allgemeinen Praxis, seinen Nachwuchs nicht mit Wasser besprengen zu lassen. Durch das Studium der Heiligen Schrift gelangte Oncken zu der Überzeugung, dass allein Gläubige – und zwar durch vollständiges Untertauchen im Wasser – getauft werden sollten. Oncken sehnte sich auch selbst danach, die Gläubigentaufe durch Untertauchen zu empfangen. Er wartete geduldig, bis eines Tages der baptistische Theologieprofessor Dr. Barnas Sears nach Deutschland reiste. Im Jahre 1834 taufte Professor Sears Oncken, dessen Frau und fünf weitere Gläubige im Auftrag der Bostoner Baptistengemeinde und setze Oncken als Ältesten ein. Dies war die Geburtsstunde der ersten Baptistengemeinde Deutschlands.

Im Feuer der Verfolgung

Der Herr segnete Onckens Missionsarbeit, so dass immer mehr Menschen gläubig wurden und sich taufen ließen. Diese Entwicklung blieb auch vor den Augen der Hamburger Polizei nicht verborgen, welche dem jungen Baptisten kurzerhand ein Versammlungsverbot erteilte. Auch das von Oncken im Jahre 1837 schriftlich eingereichte Glaubensbekenntnis konnte die Ordnungshüter nicht überzeugen, die Baptisten zu dulden. Fand dieses Bekenntnis auch keine Anerkennung vonseiten der Hansestadt, so ist es doch das bedeutendste Dokument, welches uns die Glaubensansichten der ersten Baptisten Deutschlands bezeugt. Die Artikel des Bekenntnisses belegen u.a., dass Oncken und die frühen Baptisten die biblischen Gnadenlehren (alias »Fünf Punkte des Calvinismus«) glaubten und lehrten. Ist es auch aus dem Gedächtnis vieler heutiger Baptisten gelöscht oder verdrängt, so steht dennoch ohne Zweifel fest, dass Oncken, genauso wie sein Freund Spurgeon, überzeugter Calvinist war.

Ungeachtet der staatlichen Androhungen predigte und taufte Oncken unerschrocken weiter. Die Versammlungen wurden nun polizeilich aufgelöst und Oncken wurde immer wieder auf das Polizeirevier gerufen und verhört. Aber nicht nur die Polizei, sondern auch einige Bürger störten die Gottesdienste und warfen Steine und Unrat auf die Gemeindemitglieder. Es dauerte nicht lange, bis man Oncken festnahm und für einen Monat im Stadtgefängnis festhielt. Das Tagebuch Onckens teilt uns mit, wie es ihm dabei erging:

»Nachdem der Gefängniswärter sich entfernt hatte, warf ich mich auf meine Knie, preisend und lobend meinen Heiland, der mich würdigte, um seines Namens willen Bande zu erleiden. Ich fühle mich wohl und selig, empfahl meine teure Gemeinde dem Herrn und flehte für die Bekehrung meiner Verfolger.«

In Gefangenschaft studierte Oncken die Bibel, betete, sang und evangelisierte seine Mitgefangenen. Auch die Gemeinde flehte innig, dass der Herr ihnen Recht verschaffen möge. Der Herr antwortete auf die Gebete seiner Gemeinde in unerwarteter Weise: Gott sandte Feuer. Vom 5. bis 8. Mai 1842 brannte ein Drittel der Stadt Hamburg nieder. 20 000 Menschen wurden obdachlos. Wie reagierten Oncken und die junge Gemeinde auf diese Katastrophe?

Oncken machte sich auf und stellte seinen Verfolgern das Versammlungshaus der Baptistengemeinde zur Verfügung, um obdachlose Menschen zu beherbergen, zu pflegen und mit Speise zu versorgen. Die junge Gemeinde nahm rund 80 Bürger für etwa acht Monate auf und selbst Oncken war sich nicht zu schade, um für die Gäste zu kochen.

Diese barmherzige Fürsorge der Baptisten änderte die Sicht des Polizeichefs. Unmöglich konnte der Senat, der das baptistische Versammlungshaus als Zufluchtsstätte für Obdachlose genehmigt hatte, einen Gottesdienst in demselben Gebäude verbieten. Die Verfolgung endete schon bald.

Die Katastrophe brachte neben allem Unglück noch einen weiteren Segen mit sich: Unzählige Handwerker strömten aus ganz Europa herbei, um die Hansestadt wieder aufzubauen. Die Gemeinde nutzte die Gunst der Stunde und brachte den Gastarbeitern das Evangelium und sandte diese dann ausgestattet mit Literatur als Handwerker-Missionare zurück in ihre Heimat. Überall in Europa wurden nun, trotz zum Teil heftiger Verfolgung, Baptistengemeinden gegründet.

Unterwegs im Auftrag des Herrn

Oncken wirkte nicht allein in Hamburg, sondern reiste auch umher, um an vielen Orten Deutschlands und Europas zu taufen und Gemeinden zu gründen. Seine längste Zeit im Ausland verbrachte Oncken in Amerika (1853 bis 1854), wo er die deutsche Missionsarbeit bekannt machte. Auf einer Zugfahrt von New York nach Boston wurde Oncken in einen gefährlichen Unfall verwickelt. Sein Zug stürzte infolge einer offenen Zugbrücke in den Fluss und zerschmetterte. Viele Menschen starben, doch Oncken überlebte und trug dank der Bewahrung Gottes keine ernsten Schäden davon. Es ist wahr, was der Erweckungsprediger George Whitefield zu sagen pflegte: »Wir sind unsterblich, bis unsere Arbeit getan ist.«

Onckens Arbeit war die Mission. Und um diese Arbeit zu finanzieren, reiste Oncken 1856 auch nach England, um den damals 22-jährigen Charles Haddon Spurgeon zu treffen. Hoch erfreut über Onckens Arbeit veranlasste Spurgeon einen Missionsgottesdienst, in dem Oncken predigen durfte. Spurgeons Gemeinde begann nun, die Arbeit in Deutschland durch Gebet und finanzielle Hilfe zu unterstützen.

Etwa zehn Jahre später besuchte Spurgeon seinen Freund Oncken, um im Rahmen der Einweihungsfeier des neuen Gemeindehauses in Hamburg zu predigen. Spurgeon, der Oncken in einem persönlichen Brief einmal den unbeweglichen Polarstern nannte, um den die Missionare Europas kreisen, beschrieb Oncken und seine Arbeit auch mit folgenden Worten:

»Wir sahen den Raum, in dem die erste Baptistengemeinde gegründet wurde … Noch interessanter jedoch war der geweihte Ort auf dem Wall, von dem aus man die ganze Stadt sehen kann. Es war die Angewohnheit des jungen Apostels [Oncken] hier in einsamer Abgeschiedenheit, in den frühen Morgenstunden, zu Gott für die Menschen zu flehen. Wir verstanden das Geheimnis von Herrn Onckens Erfolg, als wir die Quelle seiner Kraft erkannten: Das geheime Ringen mit dem Engel des Bundes. Die Stadt Hamburg wusste nur wenig davon, dass ein Mann von den Wällen auf sie herabblickte und mit vielen Tränen die Gnade Gottes auf die tausenden Gottlosen herabrief (…) Kein noch so starker Schmerz kann uns den höchsten Genuss vergessen lassen, den wir in der Gemeinschaft mit unseren deutschen Freunden erlebt haben. Gott hat ein großes Werk in diesem Land getan und hat für Deutschland noch viele weitere Werke auf Lager. Jeder Christ in England, vor allem jeder Baptist, sollte diese Arbeit bis zum Äußersten unterstützen. (…) Wir preisen Gott bei jeder Erinnerung an unseren verehrten Bruder Oncken und beten, dass ein langes Leben und wachsender Erfolg mit ihm seien.«

Leid und Streit

Oncken war bereit, für die Sache des Herrn zu leiden, ja sogar sein Leben zu opfern. Im Alter von 70 Jahren unternahm er die gefährlichste und beschwerlichste Reise seines Lebens. Er erduldete Hunger, Schlaflosigkeit und viel Mühe, um auch in Südrussland, in der Türkei, Rumänien und Ungarn Gemeinden zu gründen und zu stärken. Aber auch Onckens Privatleben war vom Leid gezeichnet. Im Laufe der Jahre starben drei seiner Kinder sowie seine erste und seine zweite Ehefrau.

Dank Gottes Bewahrung blieb Oncken dem Herrn auch angesichts dieser schmerzlichen Erfahrungen treu, doch bereitete Oncken sich auch unnötigen Kummer. Der Heilige Geist deckt in der Bibel schonungslos die Sünden der größten Glaubenshelden auf, um uns deutlich zu machen: Gott allein ist vollkommen, und darum gebührt auch ihm allein alle Ehre. Auch Oncken war keineswegs perfekt. Im Jahre 1871 geriet Oncken in einen Streit (der sog. »Hamburger Streit«) mit seinen engsten Vertrauten. Oncken wollte nicht zulassen, dass sich die Tochtergemeinden von der Hamburger Muttergemeinde abnabeln und selbstständig werden. Zu groß war die Befürchtung Onckens, die Unabhängigkeit der Ortsgemeinden könne dem Werk des Herrn schaden. Erst gegen Ende seines Lebens versöhnte sich Oncken mit den Brüdern.

Am Ziel

Oncken heiratete im Jahre 1874 noch ein drittes Mal. Seine letzte Ehefrau war ein Mitglied von Spurgeons Gemeinde und pflegte Oncken bis zum Schluss in aufopferungsvoller Treue. Oncken verstarb am 2. Januar 1884 in Zürich und wurde auf dem reformierten Friedhof in Hamburg beigesetzt. In einer Traueransprache hieß es über Oncken:

»Er hat viel getan und viel erreicht. Seine Eroberungen sind nicht mit Stahl und Eisen gemacht worden, sondern durch sein packendes, zündendes Wort, durch das Schwert des Geistes, das er allezeit zu ziehen bereit war. Wir wollen ihm keine ehernen und steinernen Monumente errichten, aber in jeder Gemeinde und in jedem Gliede sehen wir lebendige Denkmäler für den teuern Entschlafenen.«

Bis zu Onckens Tod waren aus den sieben Mitgliedern der ersten Baptistengemeinde hunderttausende Baptisten geworden, die sich europaweit und darüber hinaus in Gemeinden versammelten.

Zur Nachahmung empfohlen

Wir alle lieben es, die spannenden Geschichten von Männern und Frauen Gottes zu lesen, doch nur wenige von uns wollen auch so leben wie sie. Möge Gott uns die Gnade schenken, dass auch wir unser Leben ganz für das Werk des Herrn einsetzen, das Evangelium mutig und unermüdlich bekennen, die Heilige Schrift studieren und keine Konsequenzen scheuen, das Erkannte auch umzusetzen. Möge der Herr uns dazu bringen, ein ernsteres und intensiveres Gebetsleben zu führen und uns auch die Bereitschaft verleihen, für Christus zu leiden. Möge der Herr all dies schenken, nicht um unseretwillen, sondern um seiner Ehre willen. Und gefällt es dem Herrn, uns zu gebrauchen, so mögen wir nie vergessen, dass Gott das Törichte der Welt erwählt hat, auf dass sich kein Mensch rühme:

»Es gibt keine großen Männer Gottes. Es gibt nur erbärmliche, schwache und sündige Männer eines großen und barmherzigen Gottes.«


#11 Vorbilder

#11 Vorbilder

Peter Schild (*1985) ist Ehemann, Vater und Theologe. Er arbeitet als Gemeindegründer und Pastor in Frankfurt am Main.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#11 Vorbilder« (02/2013) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Biographien – ist nach wie vor erhältlich.