Er ist jung, reformatorisch, Familienvater und Leiter der traditionsreichen Schriftenmission »Herold«. Grund genug für uns, Benjamin zu interviewen. Dabei haben wir über seine Anfänge im Glauben, Theologie und Demut gesprochen.

Viele unserer Leser werden dich vielleicht nicht kennen. Du agierst eher im Hintergrund. Könntest du dich vielleicht kurz vorstellen?

Also, mein Name ist Benjamin Schmidt, ich bin 34 Jahre alt, verheiratet mit Hanna und Vater von drei Kindern. Beruflich bin ich vollzeitlicher Missionsleiter der Herold-Schriftenmission e.V., zu dem auch der Heroldverlag gehört. Zudem arbeite ich ehrenamtlich in der Immanuel-Gemeinde in Wetzlar mit. Dort bin ich Diakon, predige hin und wieder (gerade über den Galaterbrief), leite die Sonntagsschulen für Kinder und Erwachsene.

Wie bist du Missionsleiter bei Herold geworden? Klingt für einen jungen Mann wie dich doch etwas außergewöhnlich.

Naja, ist natürlich die Frage, was jemand mit dem »Herold« verbindet. In meinem Alter eine Mission zu leiten, ist nicht unbedingt außergewöhnlich (grinst). Aber ehrlich gesagt, war genau deine Frage mein erster Gedanke, als ich kurz vor meinem Bibelschulabschluss (an der Bibelschule Brake) die Anfrage erhielt, bei der Herold-Schriftenmission einzusteigen. Weil ich den »Herold« schon viele Jahre durch meine Großmutter und meine Eltern kannte, war ich vorerst nicht besonders angetan. Zum einen, weil ich Fragen in Bezug auf einige Lehrpunkte hatte und zum anderen, weil das optische Auftreten der Mission nicht ganz so ansprechend war.

Wie bist du diese Herausforderungen angegangen? Lehrmäßig und auch bezüglich des Auftretens der Mission bzw. des Verlages?

Nun, zuerst musste ich mir eingestehen, dass das Problem mit der äußeren Erscheinung eigentlich eine Nebensächlichkeit war – denn schließlich gibt es ja keinen besseren Job als das Evangelium zu verkündigen. Und in diesem Punkt war die Mitarbeit in einer christlichen Mission, wie dem Herold, genau das Richtige. Natürlich ging ich da auch mit dem Gedanken rein, einiges optisch aufzubessern, aber die Möglichkeit, anderen Gottes Wort auf diese Weise zu lehren, hat mich sehr gereizt. Doch in Bezug auf die lehrmäßigen Fragen hab ich nicht hinter den Berg gehalten und meine Kritik in manchen Punkten direkt beim Vorstand der Mission zur Sprache gebracht. Ich habe offen dargelegt, dass ich davon überzeugt bin, dass Gott in der Erlösung und in der Heiligung des Menschen souverän, frei und unabhängig agiert, dass ich von der bedingungslosen Erwählung überzeugt bin, davon, dass kein Mensch Gottes Gnade widerstehen kann, dass alle, die Er erwählt, auch aus Seiner Kraft bis zum Ende im Glauben bewahrt werden und dass Er alles zu Seiner Ehre tun wird. Diese Wahrheiten wollte ich in meiner Arbeit nicht verschweigen – besonders, wenn ich die Verantwortung der Mission übernehmen sollte. Überraschenderweise war das für die Geschwister kein großes Problem. Und so hatte ich auch keine Einwände mehr.

Das hört sich sehr gut an. Wir gehen mal ein paar Schritte zurück. Wie bist du mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen und wie bist du schließlich selbst Christ geworden?

Meine Eltern sind Christen und haben uns Kindern schon von klein auf das Evangelium erzählt und Nachfolge vorgelebt. Mein Vater, ein Prediger, war und ist für mich ein großes Vorbild. Er hat Christus sehr lieb und hatte viel Kenntnis über Gottes Wort. Und obwohl meine Eltern ein ganz klares Verständnis von Rechtfertigung aus Glauben allein besaßen und uns vermittelten, war meine Sicht sehr moralisch. Ich war der Meinung, Gott ist mit mir zufrieden, wenn ich seine Gebote halte. Als Teenager habe ich krampfhaft versucht danach zu leben, doch natürlich immer wieder versagt. Also sagte ich mit 15 Jahren, dass Gott mich in Ruhe lassen soll. Seine Ansprüche waren für mich zu hoch und mein Leben mir zu wertvoll, um mir ständig etwas von Ihm vorschreiben zu lassen. Damit begann ein sechsjähriger Weg in Alkohol, Sex und Drogen. Ich war immer auf der Suche nach Erfüllung, aber fand sie nicht. Mit 21 Jahren, als ich körperlich und seelisch völlig am Boden war, fiel mir eine Karte mit einem Bibelvers in die Hände, die mein Vater mir Jahre zuvor gegeben hatte. Es war Sacharja 4,6: »Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.« Da traf es mich wie ein Schlag und ich verstand, dass Gott genau weiß, wie unfähig ich bin und dass Er alles getan hatte, damit ich von meiner Schuld frei komme. Heute weiß ich, dass Gott zu Seiner Zeit das in mir getan hat, wovon Paulus im 1. Korinther 2,14 und 2. Korinther 4,6 spricht. Sein Heiliger Geist hat mir die Augen geöffnet, damit ich das Evangelium verstehe, Er hat mir die Herrlichkeit Christi, meines Erlösers, gezeigt. Und das zog mich zu Ihm.

Danke für diesen schönen und sehr persönlichen Einblick. Es gibt nichts Besseres als das Evangelium. Du hast vorher schon die Gnadenlehren erwähnt. Wie bist du bewusst mit ihnen in Berührung gekommen?

Das ist sehr kompliziert. Aber kurz zusammengefasst: Durch das Johannesevangelium. Besonders Kapitel 6 des Johannesevangeliums hat mein vorher sehr menschenzentriertes »Evangelium« über den Haufen geworfen. »Geholfen« haben dabei noch Lehrer wie Martyn Lloyd-Jones und John Piper. Deren Bücher hat mir mein Vater immer wieder aufs Herz gelegt.

Wie beurteilst du die reformatorische Bewegung in Deutschland?

Ich würde mich selbst als ein kleines Teil dieser reformatorischen Bewegung sehen und bin sehr froh mitzuerleben, dass Gott vielen jungen Leuten das Bewusstsein dafür weckt – denn es macht doch einen sehr großen Unterschied. Mir fällt nur immer wieder auf, dass wir aufpassen müssen, zum einen nicht zu akademisch und zum anderen nicht überheblich zu werden. Das sind meines Erachtens zwei Gefahren, denen wir ausgesetzt sind. Vielleicht liegt es gerade daran, dass diese Bewegung in Deutschland aus sehr vielen jungen Leuten besteht, die selbst akademisch sind, lehrmäßige (meist englische) Literatur lesen, etc. Eigentlich nehmen die Lehren der Gnade uns jeden Grund überheblich zu sein, aber ich stelle trotzdem an mir und an anderen (Calvinisten) manchmal fest, dass wir stolz sind auf unsere Erkenntnis. Da müssen wir sehr aufpassen und dies unbedingt vermeiden.

Dem können wir uns nur anschließen. Kommen wir zu unseren abschließenden Fragen, die wir allen unseren Interviewpartnern stellen. Welcher biblischen Person würdest du gerne welche Frage stellen?

Schwere Frage, da gibt es so viele interessante Leute mit interessanten Fragen. Aber meine Frage würde sich vermutlich an Jakobus richten, warum er in seinem Brief nicht manche Aussagen anders formuliert hat.

Die schwierigste Bibelstelle?

Hier muss ich zitieren. Ich glaube, es war Peter Schild, der in einem Interview beim Timotheus-Magazin gesagt hat: »Johannes 3,16. Denn wie kann Gott diese Welt nur lieben?« Dasselbe frage ich mich auch häufig.

Mit welcher Person der Bibel kannst du dich am ehesten identifizieren?

Mit Petrus. Hatte eine große Klappe und ist ordentlich gedemütigt worden.

Welche Person der Kirchengeschichte würdest du gerne einmal treffen?

Darf ich drei nennen? Luther, Augustinus und Calvin. Mit allen drei an einem Tisch, das wär‘s!

Was war das letzte Buch, das du gelesen hast?

»Five Views On The Law And Gospel« von Walter Kaiser Jr., Douglas Moo, Willem VanGemeren, Stanley Gundry und Greg Bahnsen.

Welches Buch wolltest du schon immer einmal lesen?

Meine Amazonliste was Bücher betrifft ist lang. Da fällt mir gerade kein Besonderes ein.

Was bedeutet für dich der Begriff »Reformation«?

Zuerst Gottes Wort ernst nehmen, dadurch Christus immer mehr wertschätzen und es unter Gebet auch anderen lieb machen. Auf diese Weise bewirkt Gott Reformation bei Einzelnen und in Seinem Volk.

Bestes Zitat?

»Glaubwürdig ist das Wort und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten, von denen ich der größte bin.« (Paulus in 1. Timotheus 1,15)

Was bedeutet Jesus für dich?

Jesus Christus ist für mich jeder Grund zur Hoffnung. Er ist mein Gott, mein Herr, der mich durch sein eigenes Blut erkauft hat, mein Erlöser, der mich durch sein Opfer am Kreuz vor Gottes gerechtem Zorn errettet; Jesus Christus ist mein Heil, weil Er mich in seine Gerechtigkeit gekleidet und die Strafe für meine Ungerechtigkeit auf sich genommen hat. Durch Ihn bin ich mit Gott versöhnt und darf – aufgrund der Stellvertretung Jesu – so vor Gott stehen, als hätte ich niemals eine Sünde begangen. Er ist meine Heiligung, in Ihm sieht Gott mich so an, als hätte ich in allem Sein heiliges Gesetz vollkommen gehalten. Er ist mein Schöpfer, mein Erhalter, mein bester Freund, der mich durch gute und schwere Zeiten führt und nie von meiner Seite weicht. Jesus Christus ist mein Bruder, der sich selbst erniedrigt hat und bis zum Tod am Kreuz dem Vater gehorsam war, um mir (und allen, die an Ihn glauben) die Gotteskindschaft zu erwerben. Jesus ist auch mein Haupt, weil ich durch die Wiedergeburt, die Gottes Geist in mir gewirkt hat, ein Glied an Jesu Leib, der Gemeinde der Heiligen, geworden bin. Jesus ist mein Leben, weil Er mein altes, sinnloses Leben beendet und mir neues, ewiges Leben geschenkt hat, das endlich Sinn ergibt, weil es zum Lob der Herrlichkeit Gottes dient – dem Zweck, zu dem alles erschaffen wurde. Ich könnte noch einiges ergänzen, weil Seine Person und sein Werk so umfassend sind, dass wir die ganze Ewigkeit kein Ende finden werden, um all das aufzuzählen, was Er für uns ist. Aber zusammengefasst bedeutet Jesus vor allem das für mich! Ich liebe Jesus Christus für all das, was Er für mich ist und für mich getan hat, denn hätte Er nicht in mein Leben eingegriffen, könnte ich all das von Ihm nicht sagen, sondern würde Ihn noch immer ablehnen und verachten und mir würde das Kostbarste entgehen: Gott selbst!

Vielen Dank für die Einblicke und deine Zeit. Wir freuen uns über eure Arbeit und hoffen, dass Gott es in seiner Gnade noch lange erhält!

Das kann ich nur zurückgeben! Auch Euch weiterhin alle Gnade in Jesus.


Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#25 Weihnachten« (4/2016) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist nach wie vor erhältlich. Entdecke weitere Ausgaben zu grundlegenden Themen des christlichen Glaubens in unserem Archiv. Das Interview wurde von Peter Voth geführt.

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