Der Apostel Paulus bezeichnet das Evangelium an zwei Stellen im Epheserbrief als Evangelium des Friedens (2,15 und 6,17). Er meint damit nicht, das Evangelium sei die Anleitung, wie man unter einander verfeindeten Ehepartnern, Nachbarn oder Völkern Frieden herstellen kann, sondern es geht ihm um den Frieden mit Gott. Moderne Menschen reiben sich bei dieser Auskunft erstaunt die Augen und fragen: „Gibt es denn ein Problem mit Gott? Ist nicht Gott immer schon ein Gott des Friedens? Wo ist denn der Krieg? Krieg gibt es unter Menschen! Deswegen versuchen sie, das Evangelium des Friedens als Anleitung zu lesen für menschliche Bemühungen, Frieden zu stiften, Konflikte zu vermeiden, den Krieg zu ächten und Vergleichbares mehr. Keiner wird bestreiten, dass das Bemühen um zwischenmenschlichen und subjektiven Frieden sinnvoll und sogar von Gott geboten ist, aber das ist nicht das Thema des Evangeliums.

Das Evangelium handelt vom Frieden mit Gott. Der aber ist nicht selbstverständlich. Nach der Bibel befindet sich der Mensch in seiner Sünde im Aufstand gegen Gott und Gott hegt einen gerechten und todbringenden Zorn gegenüber dem sündigen Menschen. Betrachten wir zunächst den Aufstand des Menschen gegen Gott: die menschliche Sünde. Schon im Paradies schlossen sich Adam und Eva der Meinung der Schlange an, dass es doch recht sei, wie Gott zu sein. Nur Geschöpf zu sein, nur Gottes Bild, und ihr Wissen und ihre Herrschaft auf die geschaffene Welt zu beschränken, war ihnen zu wenig. Sie wollten keinen Gebieter über sich haben und selber wissen, was gut und böse ist. Doch Gott hatte Adam angekündigt, dass er, wenn er Gottes Gebot übertreten und von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen essen würde, gewiss sterben würde (1. Mose 2,17). Adam scherte sich nicht darum. Er wußte, was Gott gesagt hatte, doch provozierte er Gott mit der Übertretung von dessen Gebot. Gerade dieser wissentliche und willentliche Aufstand gegen Gott machte ihn zum Sünder.

Gott konnte den Umgang mit diesem Menschen nicht fortsetzen, so als wäre nichts geschehen. Er musste reagieren, und dies in gerechtem Zorn. Also vertrieb Gott das aufständische Menschenpaar aus dem Paradies, dem Ort seiner Gegenwart, und überließ es dessen sündigem Wollen. Die aufständische Gesinnung verblieb. Den Nachkommen, die von ihm abstammen, also auch uns, begegnet Gott in gleicher Weise, denn sie wachsen ja in der Gottesferne und ohne Gotteserkenntnis auf. Sie sind genauso aufständisch gegen Gott wie ihr Urahn. Sie halten es für wertlos, Gott zu erkennen. Gott lässt sie deswegen in seinem Zorn immer tiefer in die Sünde abgleiten (vgl. Römer 1,24.26.28), so dass sie ihren Aufstand gegen Gott auch in den verschiedenen Formen der Aggression, der Unmoral, der Kriminalität und der Bosheit ausleben. Die Menschen sind »fleischlich« gesonnen (Römer 8, 6) und beweisen in den zahllosen Formen der Sünde ihre aufständische Gesinnung gegen Gott. Im gegebenen Fall scheuen sie sich nicht, dies auch mit Worten zu tun, indem sie ihn anklagen, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein, oder indem sie seine Existenz verneinen, obwohl sie es aufgrund der an den Schöpfungswerken Gottes erkennbaren Existenz Gottes besser wissen könnten. Sie kämpfen gegen den Glauben an Gott und bekämpfen oder diskriminieren diejenigen, die an ihn glauben. Sie missbrauchen sogar den Namen Gottes, um Böses zu tun.

Warum sollte Gott dazu schweigen? Gott konnte und wollte sein Recht nicht umstoßen, denn es entsprach doch ganz seinem Willen. Also kam der Tod wie angekündigt über alle Menschen, und mit dem Tod die zahllosen Mechanismen, die zum Verfall, zur Krankheit und zur Vergänglichkeit führen. Es ist indes ein Hinweis auf die Güte Gottes, daß er das erste Menschenpaar nicht noch am Tag ihres Falls sterben ließ. Sie hätten es wahrlich verdient. Doch das ist nicht Gottes letztes Wort. Soll er kein Erbarmen mit den Menschen haben? Sollen sie alle rettungslos im ewigen Verderben enden? Sollte das anfangs doch sehr gute Schöpfungswerk Gottes, kaum, daß es vollendet war, unter dem gerechten Zorn Gottes enden? Es wäre nicht verwunderlich, denn Gott hätte nichts Unrechtes getan, wenn diese aufständische Gesellschaft seiner verdienten Strafe zugeführt hätte. Aber er tut das Unerwartete: Er beschließt, einige zu erretten, um an ihnen zu zeigen, dass er ohne Grund barmherzig ist (Römer 9, 22-23). Dazu nimmt die Behandlung der menschlichen Sünde, der menschlichen Feindschaft, selbst in die Hand. Er beschließt, in seiner Liebe seinen Sohn zu senden, damit dieser für seine Feinde sterbe, um seiner Gerechtigkeit Genüge zu tun (Römer 5,6-10). Er gibt ihn, seinen Sohn, als Stellvertreter für sein Volk, damit er die Maßnahmen bestreitet, die nötig sind für einen dauerhaften und gerechten Frieden. Ich betone: Ohne dass die Menschen, die Feinde Gottes, in irgendeiner positiven Weise beteiligt wurden, hat der dreieinige Gott das Nötige getan, um die Basis für den Frieden zu legen. Gott hat das gewissermaßen unter sich, in seiner Dreieinigkeit, ausgemacht. Aber er hat dazu seinen Sohn Mensch werden lassen, damit er als Stellvertreter der Menschen sterben konnte. Daß er zugleich Gott war, gab seinem Werk die universale und vor Gott gültige Qualität. Er machte Frieden, indem er das Zornesgericht Gottes, des Vaters ertrug und den Tod erlitt (Jesaja 53,5; Kolosser 1, 20).

Gott hat seinen Sohn durch die Auferstehung und die Himmelfahrt erhöht und zum Friedefürsten (Jesaja 9,5-6; vgl. Hebräer 7, 2-3) gemacht. Indem Gott seinen Sohn als Messias gesandt hat, verband er den Frieden mit der Macht, ihn auch zur Durchsetzung zu bringen: er gab der Welt einen Herrn und König, der in seiner Souveränität regiert. Seine Herrschaft hat jetzt ein Ziel: Sich sein Volk zu sammeln, das er jetzt im Heiligen Geist regiert, um diesem Volk am Ende die neue Schöpfung zum Erbe zu geben.

Nachdem das Heilswerk Christi vollbracht war, konnte Gott mit dem Evangelium Frieden verkünden (Epheser 2,17). Er konnte und kann damit sagen: Ich habe um Christi willen nichts mehr gegen dich. Christus hat alles getan, was nötig war, um dich mit mir zu versöhnen. Glaube mir, dass es so ist, denn mein Sohn ist ja wirklich gestorben und auferstanden. Ihn habe ich jetzt zum Friedefürsten bestellt. Vertraue auf ihn, auf die Zusagen, die ich in ihm gemacht habe, dann hast du Frieden mit mir. Gott stellt damit den Frieden in den Rahmen eines Bundes, eines Rechtsverhältnisses, innerhalb dessen er versprochen hat, zu seinem Wort zu stehen (Jesaja 54, 10). Mit diesem Rechtsverhältnis bindet sich Gott an sein Wort.

Gott gibt dem Menschen in Taufe und Abendmahl die Zeichen und Siegel, mit denen er den Bund gleichsam sichtbar macht. An diesen Zeichen soll der Christ erkennen, dass er Frieden mit Gott hat und dass die Zusagen Gottes ihm gelten. Gott ist darin geradezu verschwenderisch, weil er seinen Frieden keinem anderen als Sündern schenkt und es ihnen auch gibt, seinen Zusagen zu glauben. Sie müssen sich nicht selbst zum Glauben hochhangeln, sondern Gott verbürgt ihnen seine Zusagen in dieser ganz sichtbaren, dem Menschen nahekommenden Weise.

Ich betone: Gott verkündigt den bereits vorhandenen Frieden. Der Mensch muss diesen Frieden nicht erst noch herstellen, sondern er soll seine aufständische Gesinnung aufgeben und Gott glauben und ihm die Treue halten. Das bedeutet nicht, dass er mit seiner Umkehr die Bundeszusage Gottes erst in Geltung setzte, sondern sie gilt ja schon, weil Gott es gesagt hat. Dem Menschen kommt es zu, den Zusagen zu glauben. Durch den Glauben empfängt der Christ die Vergebung der Sünden und die Gerechtigkeit Christi. Er ist zwar nach wie vor Sünder, aber indem und sofern er dem Evangelium glaubt, hat er die Rebellion gegen Gott aufgegeben. Er liebt Gott um Christi willen, er liebt und sucht das Heil in Christus.

Der Mensch muss diesen Frieden nicht erst noch herstellen, sondern er soll seine aufständische Gesinnung aufgeben und Gott glauben und ihm die Treue halten.

Indem der Mensch an Christus glaubt, ist er vor Gott und von Gott gerechtfertigt. Die Rechtfertigung ist ganz wesentlich. Sie ist der Rechtsakt, der die Voraussetzung für die Gemeinschaft mit Gott und die Teilhabe an dem in Christus aufgerichteten Bund ist. Paulus sagt: »Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus« (Römer 5, 1). Hier und in Epheser 2,17-18, weist Paulus auf den Zugang zu Gott als Folge des Friedens. Es ist die erste Folge des Friedenswerkes Gottes. Wie es unter Menschen üblich ist, dass man seinen Feind nicht in sein Haus lässt, so ist es auch bei Gott. Auch er lässt einen glaubenslosen Sünder nicht in sein Haus. Kehrt aber dieser Sünder um und glaubt dem Evangelium des Friedens, dann hat er Zutritt zu Gottes Haus, denn er ist ein Kind Gottes. Gott tadelt ihn nicht mehr wegen seiner Sünden, denn er ist ja gerechtfertigt. Er wird nicht hinausgestoßen, denn er sucht sein Heil dort, wo Gott es offenbart hat: in Christus.

Wer im Frieden mit Gott lebt, wird auch ein gutes Gewissen haben (Hebräer 9,14; 10,22). Er weiß, dass seine Sünden vergeben sind und freut sich darüber. Er ist geduldig, wenn ihm Böses widerfährt, er wird alles tun, um mit seiner Umgebung im Frieden zu leben. Dazu gemahnt das Neue Testament an vielen Stellen. Er ist hoffnungsvoll im Blick auf die Zukunft. Er wird wohl empfinden, dass der Tod sein Feind ist, aber er wird ebenso wissen, dass ihn der Tod nicht von der Liebe Gottes in Christus scheiden kann, sondern der Eingang in das ewige Leben ist (Römer 8, 35-39).

Indes gilt auch: Der Friede mit Gott kommt nicht erst zustande, wenn ein Mensch den Frieden im Gewissen fühlt. Der Friede ist schon da, Gott hat ihn in Christus gemacht und läßt ihn nun im Evangelium verkündigen. Es mag also der Glaube eines Christen unreif oder von Zweifeln begleitet sein. Solange er auf Christus hofft und Gott im Namen Jesu Christi anruft, hat er Frieden mit Gott. Gott hat nicht gesagt, daß wir erst Frieden mit ihm hätten, wenn wir es subjektiv fühlten. Auch die von der Bibel geforderte Bekehrung »macht« den Frieden nicht, denn Bekehrung geschieht, indem Gott einen Menschen zum Glauben führt. Wer glaubt, ist bekehrt. Man darf die Bekehrung nicht zu einem vom Menschen handhabbaren Instrument machen, mit dem der Mensch den Frieden bei Gott herstellt. Allein der Glaube hat die Zusage des Friedens mit Gott (Römer 5,1). Der Friede mit Gott besteht auch dann, wenn der Christ bei sich das alte, sündige und aufständische Wesen wahrnimmt. Er muß deswegen nicht erschrecken, denn subjektive Sündlosigkeit ist nicht die Bedingung für den Frieden mit Gott. Gott bedeckt mit seiner Friedenszusage vielmehr die ganze abgründige Bosheit des Menschen.

Der Friede mit Gott kommt nicht erst zustande, wenn ein Mensch den Frieden im Gewissen fühlt.

Der Friede mit Gott wird schließlich in den Shalom der neuen Schöpfung führen. Es wird ein das ganze Leben umfassender Friede sein, ein Friede, der sowohl im zwischenmenschlichen Bereich besteht als auch in materieller und geistiger Hinsicht, weil kein Bedürfnis des Menschen unbefriedigt bleibt. Der Friede zwischen Gott und Mensch wird so sein, daß die Menschen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden. Das ist der Friede auf Erden, der in der Bibel an zahllosen Stellen verkündigt und gewünscht wird. Ihn kann kein Mensch machen.


#4 Frieden

#4 Frieden

Dr. Bernhard Kaiser (*1954) ist Theologe und steht dem Institut für Reformatorische Theologie vor. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#4 Frieden« (03/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist leider ausverkauft. Die Ausgabe kann jedoch online kostenlos aufgerufen werden.

Beitragsbild von Joshua Earle.