Egal zu welcher Glaubensrichtung wir uns auch zählen, die Lehre der Erwählung bereitet fast jedem Christen Fragen und Kopfzerbrechen. Die Auserwählung Gottes scheint unsere Vorstellung vom freien Willen des Menschen aufzulösen und uns die Entscheidung zu diktieren. Sie impliziert, dass der Menschen gar nicht in der Lage ist, sich für Gott zu entscheiden, es sei denn Gott hat ihn erwählt. Und wir fragen uns dann unmittelbar, wie Gott auf einer solchen Grundlage Menschen für ihren Unglauben überhaupt verurteilen kann.

Viele erklären die Auserwählung Gottes deshalb mit seinem Vorherwissen. Weil er allwissend ist, hat er in seinem Vorherwissen gesehen, wer Buße tun würde und hat sie zu seinen Kindern gemacht. Doch eine solche Schlussfolgerung ist unbiblisch, weil sie zahlreichen Aussagen im Wort Gottes widerspricht. Wenn wir allein die bekannte Stelle aus Römer 3 heranziehen, werden wir feststellen das es unter den Menschen niemanden gibt, der nach Gott fragt. Konsequenterweise müssen wir daraus schliessen, dass alles was Gott hätte vorherwissen können, der Unglaube der Menschen ist und somit nicht eine einzige Seele erwählt bzw. gerettet worden wäre.

Wenn wir die Frage nach der Auserwählung mit echter Aufrichtigkeit stellen, müssen wir zuerst mit der gleichen Aufrichtigkeit unsere Annahme vom freien Willen des Menschen überprüfen. Ergibt sich der freie Wille des Menschen aus der vorherrschenden Vorstellung der Entscheidungsfreiheit? Oder ist der freie Wille doch etwas anderes? Was auf den ersten Blick plausibel und logisch klingt muss trotzdem unter das Urteil von Gottes Wort gestellt werden. Wie beschreibt Gottes Wort Freiheit?

Jesus Christus war ohne Zweifel der freiste Mensch, der je auf der Erde gelebt hat, weil er sündlos war. Und doch lesen wir in zahlreichen Stellen, dass er niemals seinen eigenen Willen tat, sondern den Willen seines Vaters im Himmel suchte. »Meine Speise ist die, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe« (Johannes 4,43). »Denn ich bin aus den Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat« (Johannes 6,38). »Ich kann nichts von mir selbst aus tun. Wie ich höre, so richte ich; und mein Gericht ist gerecht, denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen des Vaters, der mich gesandt hat« (Johannes 5,30).

Klingt das auf den ersten Blick nicht wie ein Paradoxon? Ein freier Mann, der doch den Willen eines anderen tut und von sich aus nichts tun kann. Wäre Christus nach unserer gängigen Vorstellung von Freiheit dann nicht der größte Sklave, der je auf Erden gewandelt ist? Das kann nicht sein. Deshalb muss die Antwort eine andere sein.

Der freie Wille eines Menschen ergibt sich nicht aus der Entscheidungsmöglichkeit die er hat, sondern geht viel tiefer und entspringt aus der Gesinnung die ihn zu seiner Entscheidung motiviert. Unsere Gesinnung bestimmt das Spektrum unserer Entscheidungen. Deshalb ist jeder Mensch, obwohl er eine Entscheidungsmöglichkeit hat, dennoch ein Sklave der Sünde, weil seine Gesinnung selbstzentriert ist. Christus war vollkommen frei, weil er den Willen seines Vater suchte. Wir sind nicht frei, weil wir nur unseren Willen suchen. Denn wo der Geist Gottes ist, dort ist Freiheit (2. Korinther 3,17). Für eine echte Gesinnesänderung ist jedoch restlose Selbstverleugnung erforderlich – etwas was der Mensch nicht tun kann. Nicht weil er hypotetisch nicht dazu in der Lage wäre, sondern weil er es nicht will. »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht«, sagt Jesus, als dass ein Mensch einen derartigen Sinneswandel vollzieht. Deswegen ist Gott in Christus auf die Erde gekommen, um der Finsternis Licht zu zeigen und es durch seine Gnade auch in unseren Herzen licht werden zu lassen.

Die Auserwählung Gottes muss in Verbindung mit Römer 8,29 verstanden werden. Dort schreibt Paulus das Gott uns zuvor erkannt hat. Das heißt er hat beschlossen uns in die intimste geistliche Beziehung mit ihm hineinzunehmen. Seine Liebe zu uns besteht darin, dass er sich uns zu erkennen gab. Und in dieser Offenbarung haben wir ihn wiederum erkannt und lieb gewonnen. 1.Johannes 4,19 sagt ganz deutlich, dass wir Gott nur deshalb lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Und Jesus sagt in Johannes 15,16, dass nicht wir ihn erwählt haben, sondern dass er uns erwählt hat.

»Aber moment mal«, mag man jetzt einwenden, »dann ist der Mensch am Ende ja doch nur eine Marionette göttlicher Vorsehung«. Nein, das ist er nicht. Wir sind zwar von Gott erwählt, aber nicht seine Marionetten. Vielmehr ist der Mensch vorher eine Marionette gewesen, und zwar eine Marionette der Sünde – verfangen in selbstsüchtigen und selbstzentrierten Denken und Handeln. Immerzu darauf aus seine eigenen sinnlosen Wege zu gehen.

Doch dann kommt Gott und durchtrennt die Fäden des Puppenspielers, indem er sich dem Sünder zu erkennen gibt und dieser ihn sieht, wie er wirklich ist. Und ab diesem Zeitpunkt tut der Mensch das einzig richtige: in seiner neugeschenkten Freiheit kommt er zu Christus, weil alles andere neben seiner Liebe völlig wertlos ist. Das ist die einzige Möglichkeit die beiden Aussagen Jesu im Johannesevangelium zu vereinen, »niemand kann zu mir kommen, es sein denn der Vater zieht ihn« und »alle die der Vater mir gibt, werden zu mir kommen«.

Warum erwählt Gott dann nicht einfach jeden Menschen? Der Einblick in dieses Geheimnis bleibt uns verborgen. Das Wort Gottes sagt nichts darüber. Doch diese Frage ist auch nicht so wichtig. Wir können darauf vertrauen, dass Gott das Gute durch seine Gnade restlos ausschöpfen wird, weil er allein gut ist. Die für uns persönlich viel wichtigere Frage lautet: Warum ich, Herr? Warum hast du ausgerechnet mich erwählt? Das Nachsinnen über diese Frage zerbricht den härtesten Stein in unseren Herzen.

Am Kreuz offenbart sich der bodenlose Abgrund der menschlichen Gesinnung. Das Licht kam in die Welt, doch wir konnten es nicht ertragen. Die schrecklichste aller Sünden wurde am Kreuz von uns begangen: die Ermordung des Messias. Doch an eben diesem Schauplatz ruft Christus sein Gebet für uns aus: Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun und verdeutlich so, dass nichts der Reichweite seiner Gnade entgeht. Sie überragt all den Schrecken der sich in unseren Herzen verbergen mag. Und weil das so ist, ist sie in der Lage uns wahrhaftig zu verändern. Das Kreuz ist die anstößigste und zugleich wundervollste Botschaft die jemals erklungen ist. Anstößig, weil sie die Verdorbenheit der menschlichen Gesinnung offenlegt und wundervoll, weil Gott unsere Gesinnung durch seine Liebe verwandelt. Und wenn du so gesinnt bist, glückselig bist du, denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern der Vater im Himmel.


Andreas Kuhlmann (*1984) ist Mit-Gründer, Mit-Herausgeber und Autor von Timotheus. Titelbild von Naemi Kubsch.

Dieser Beitrag wurde exklusiv für diesen Blog verfasst.

AboFooter-01