»Glauben« ist ein so alltäglicher Begriff, dass man kaum darüber nachdenkt, was er eigentlich bedeutet. Dabei kursieren viele falsche Vorstellungen darüber, was »glauben« eigentlich heißt. Wir wollen hier gar nicht den unpassenden Gebrauch unter Nichtchristen thematisieren (»Ich glaub’, ich spinne …«), sondern auch unter Christen ist das Verständnis dieses zentralen christlichen Begriffs oft erschreckend – bestenfalls oberflächlich, bisweilen aber sogar auf den Kopf gestellt: Unter christlichem Glauben stellt man sich vor, »Erfahrungen mit Gott« zu machen. In Liedern, Predigten und Literatur ist sogar oft von »Glaubenserfahrungen« die Rede. Aber Glaube und Erfahrung sind in der Bibel unvereinbare Gegensätze. Das werde ich Folgenden aufzeigen.

Wenn das Neue Testament erklärt, was das Wesen und die Bedeutung von wahrem Glauben ist, zitiert es mehrmals eine zentrale Aussage von Habakuk, einem der zwölf »kleinen Propheten«: »Der Gerechte wird aus Glauben leben« (Hab 2,4; zitiert in Röm 1,17; Gal 3,11 und Hebr 10,38). Ich möchte zunächst den Zusammenhang und die Bedeutung von Habakuk 2,4 erklären und dann auf die Kernaussage des Hebräerbriefs eingehen.

Habakuk und seine Situation

Die Botschaft von Habakuk handelt in einer Zeit, als Israel durch schreckliche Zeiten ging: Zum einen herrschten geistlich und moralisch schlimme Zustände im Land, die für den Gottesfürchtigen schier unerträglich waren, und zum anderen wurde Israel von den grausam gewalttätigen Chaldäern (1,6, das sind die Babylonier) angegriffen. Habakuk fleht ungeduldig zu Gott um Hilfe: »Wie lange, HERR, rufe ich schon um Hilfe, und du hörst nicht! Wie lange schreie ich schon zu dir: Gewalttat! – doch du rettest nicht!« (1,2). Der Prophet hatte gehofft und erwartet, dass Gott erkennbar eingreift, die Missstände angeht, die Übeltäter richtet und die Dinge zum Guten wendet. Habakuk wundert sich, dass dies noch nicht geschehen ist: »Warum schaust du den Räubern zu, schweigst, wenn der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?« (1,13).

Als Prophet hatte er das einzigartige Vorrecht, eine direkte, hörbare Antwort von Gott zu bekommen, und erwartete diese gespannt: »Auf meinen Posten will ich treten und auf den Wall mich stellen und will spähen, um zu sehen, was er mit mir reden wird und was ich für eine Antwort auf meine Klage erhalte« (2,1). Gottes Antwort kam klar und deutlich – und ist für uns als allezeit gültige Antwort in der Bibel dokumentiert: »Schreibe das Gesicht auf, und zwar deutlich auf die Tafeln … denn das Gesicht gilt erst für die festgesetzte Zeit und kündigt das Ende an …« (2,2-3). Gott sicherte Habakuk zu, dass er tatsächlich eingreifen und das ersehnte Gericht wirklich ausführen wird – aber nicht sofort im Hier und Jetzt, sondern zu seiner Zeit. Das steht unverbrüchlich und unausweichlich fest, aber bis dahin ist Geduld nötig: »Wenn es sich verzögert, warte darauf (harre aus), denn kommen wird es; es wird nicht ausbleiben. Siehe, die verdiente Strafe für den, der nicht aufrichtig ist!« (2,3).

Wie aber soll der Gottesfürchtige so lange seine Ungeduld überwinden und damit klarkommen, dass das Weltgeschehen, das Treiben der Sünder und all das dadurch verursachte Leid einfach seinen Lauf nimmt und Gott nicht – wie gewünscht – erfahrbar eingreift? Die Antwort steht direkt an dieser Stelle: »Der Gerechte aber wird aus Glauben leben« (2,4). Der »Gerechte« wird also nicht unbedingt Gottes Eingreifen erfahren, sondern sein Kennzeichen ist, dass er auch trotz des vorläufigen Ausbleibens von »Erfahrungen mit Gott« ausharrt und vertraut. Er lebt aus Glauben, nicht aus Schauen, Erfahren oder Erleben. Seine Basis ist nicht sein Gefühl oder seine Erfahrung (auch nicht wissenschaftliche Befunde etc.), sondern Gottes Wort. Gott hat versprochen und verheißen, dass er zu seiner Zeit eingreifen und richten und alles gut machen wird. Diese Verheißung ist ein Wort, eine schriftliche Zusage Gottes für die Zukunft – und uns bleibt wie Habakuk damals nichts anderes übrig, als auf die Erfüllung von Gottes Verheißungen zu hoffen (wobei biblische Hoffnung nicht vage, sondern gewiss ist). Glauben heißt ausharren – beharrliches Festhalten an Gottes Zusagen in seinem Wort.

Somit können wir festhalten: …

a) Glauben bedeutet sich an etwas zu orientieren – sein Leben auszurichten –, das sich unserer Wahrnehmung und damit unserer Erfahrung entzieht. Bei Habakuks berühmtem Zitat »der Gerechte wird aus Glauben leben« geht es dabei im historischen Zusammenhang um die angekündigte Erfüllung der Zusagen Gottes in der Zukunft. Aber auch Gottes Person und Wesen und Gottes Handeln in der Vergangenheit und im Verborgenen, im himmlischen Bereich, entzieht sich unserer Wahrnehmung und Erfahrung (der Gegenstand des Glaubens – an wen bzw. was glaube ich). b) Glaube gründet sich dabei auf Gottes Offenbarung – auf sein schriftlich dokumentiertes Reden und sein ebenso dokumentiertes Handeln. Und diese schriftliche Offenbarung und damit die Basis unseres Glaubens haben wir in der Bibel, die uns Gottes Person und Wesen, Gottes Handeln und Gottes Verheißungen verkündet (die Grundlage des Glaubens).

Biblischer Glaube ist also die Überzeugung von nicht wahrnehmbaren Dingen, die in der Bibel schriftlich fixiert sind. Biblischer Glaube betrifft dabei nicht nur die Zukunft (Gottes Verheißungen), sondern auch sein Handeln in der Vergangenheit: dass Gott die Welt aus dem Nichts in kurzer Zeit erschaffen hat, und insbesondere, dass Jesus Christus am Kreuz als Sühnopfer für Sünder gestorben und nach drei Tagen auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist. Aber auch verborgene geistliche Realitäten, wie z.B., dass er jetzt dort als Hoherpriester für uns eintritt und unsere Gebete hört. Auch das entzieht sich unserer Wahrnehmung und Erfahrung, ist aber in der Bibel fest zugesagt. Aus Glauben an diese Glaubensinhalte leben wir.

Glaube á la Habakuk im Hebräerbrief

Genau so definiert ja auch der Hebräerbrief den Glauben: Als »ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht« (11,1) Bemerkenswerterweise geht es im Hebräerbrief, wo unmittelbar vor dieser Glaubensdefinition Habakuk 2,4 zitiert wird (Hebr 10,38) genau darum: Die Empfänger des Hebräerbriefes standen in der Gefahr, in das Schema des alten Bundes zurückfallen: ins Judentum mit seinen sichtbaren, die Sinne ansprechenden Zeremonien, einem beeindruckendem Tempel, feierlichen Ritualen und handfesten irdischen Vorrechten. Deshalb mussten sie daran erinnert und neu davon überzeugt werden, dass Jesus und sein Heil viel höher ist als alles, was der alte Bund zu bieten hatte – obgleich er weder sichtbar ist, noch die Gläubigen als Volk Gottes irgendwelche sichtbaren oder erfahrbaren Segnungen haben – wie es das Volk im alten Bund z.B. in Form eines gesicherten Nationalstaates hatte (die »Ruhe«, in die Josua Israel geführt hatte, Hebr 3-4). Für die Hebräer war es wichtig, sich bewusst zu sein (zu glauben), dass der Herr Jesus jetzt ihr Hoherpriester im Himmel ist, der mit seinem eigenen Opferblut durch das himmlische Heiligtum gegangen ist, entsprechend wie einst am großen Versöhnungstag des alten Bundes der irdische Hohepriester durch das irdische Heiligtum. Die Empfänger des Hebräerbriefes – und alle Gläubigen des neuen Bundes – können und sollen sich im Gebet an ihn wenden: zum himmlischen »Thron der Gnade« (Hebr 4,16) kommen und »mit Freimütigkeit in das Heiligtum (in Gottes unsichtbare Gegenwart) eintreten (10,19).

An den sichtbaren Genüssen, die die Erde zu bieten hat, sollten sie hingegen nicht hängen. Sie hatten »den Raub ihrer Güter mit Freuden« ertragen (10,34a), und sollten bedenken, dass sie »einen besseren und bleibenden Besitz« haben (V. 35b), den sie in der Zukunft erben werden. Deshalb soll ihr auch ihr »Wandel frei von Geldliebe« sein (13,5a), denn Gottes Gegenwart und Fürsorge – wenn auch nicht sinnlich wahrgenommen, sondern im Glauben erfasst – sind weit kostbarer: »Denn er hat gesagt: Ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen« (5b). Auch wenn ihnen in der Jetztzeit Unrecht geschieht, sollen sie ausharren – ja »mit Ausharren laufen« (12,1) – und auf Gottes Verheißungen für die Zukunft vertrauten. Denn: »Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben« (10,38). Darauf folgt in Kapitel 11 zunächst die oben zitierte Definition des Glaubens und dann die berühmte Ahnengalerie von Glaubensvorbildern in Hebräer 11, die sich durch ein Leben ausgezeichnet haben, das in der Praxis nach eben diesen Glaubensprinzipien ausgerichtet war. Sie alle »trachteten nach einem himmlischen« Land (11,16) und »haben die Verheißung nicht (zu Lebzeiten) erlangt« (11,39), sondern lebten in Erwartung der »Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist« (11,10) – nämlich in der Hoffnung auf die neue, ewige Schöpfung. Doch eine Sache gibt es, die Gläubige jetzt von Gott erfahren: die »Züchtigung« (12,7) – eben nicht positive, tolle Glaubenserfahrungen, sondern genau wie einst Habakuk Lektionen der Entbehrung und Drangsal. (Was nicht in Abrede stellt, dass Christen auch Gebetserhörungen und beglückende Führungen Gottes erleben).

Das wichtigste Lebensziel von Gläubigen ist nicht irdischer Natur, sondern danach zu streben, dass sie gemeinschaftlich »Frieden«, »Heiligung« und »keinen Mangel an der Gnade Gottes« haben (12,14-15). »Mangel an Gnade« würde bedeuten, die aktuell unsichtbaren Vorrechte des Glaubens nicht zu begreifen oder wertzuschätzen. Das Beispiel dafür ist Esau, für den sichtbare, erfahre Dinge wichtiger waren als geistliche und der deshalb »für eine Speise sein Erstgeburtsrecht verkaufte« (12,16). Hier kommt der Hebräerbrief schließlich zu einem Abschnitt, den ich als seinen Höhepunkt bezeichnen würde: In 12,18-29 beschreibt der Autor, dass wir im Glauben in einem noch viel ehrfurchtgebietenderem »Szenario« leben als die Israeliten des alten Bundes, die hochgradig beeindruckende Erfahrungen mit Gott gemacht hatten, als er sich mit überwältigenden Sinneseindrücken am Berg Sinai offenbarte, und auch später in ihrer heiligen, prachtvollen Stadt Jerusalem. Wir hingegen sind – im Glauben schon jetzt! – »gekommen … zum himmlischen Jerusalem, zu Myriaden von Engeln, einer Festversammlung …« (12,22).

Glauben heißt, geöffnete geistliche Augen zu haben, um zu erkennen und zu erfassen, was das bedeutet – schon jetzt in dieser ewigen Stadt der wahren Gemeinschaft mit Gott zu leben und ihn umgeben von einer unzähligen Engelschar anzubeten. Er wird in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft diese Welt »erschüttern« (12,27-28), richten und vernichten, aber wir haben schon jetzt „ein unerschütterliches Reich empfangen« (12,28), das bleiben wird. Wir werden ewig darin leben – jetzt im Glauben und dann im Schauen, Erleben und Erfahren. Wenn wir das jetzige Leben im Reich Gottes auskosten und ausschöpfen wollen, geht das nicht, indem wir krampfhaft nach Erfahrungen suchen und uns einem religiösen Druck aussetzen. In manchen christlichen Kreisen wird ja vermittelt, man sei umso geistlicher, je mehr beeindruckende Erfahrungen mit Gott man vorzuweisen habe. Sondern Leben im Glauben schöpfen wir aus, wenn wir unser Glaubensgut und unsere Glaubensinhalte aus der Bibel uns immer wieder vergegenwärtigen und verinnerlichen und die Bibel studieren und so Gottes Wesen, seinen Willen, sein Handeln und seine Verheißungen immer besser kennenlernen – und unser praktisches Leben davon bestimmen lassen.

Aber ist nicht einzig und allein die Person Jesu Christi Inhalt unseres Glaubens? Ja, aber nicht in einem oberflächlichen Sinne, wie es heute oft vermittelt wird. Sondern in ihm und seinem Wort sind »alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen« (Kol 2,3) – und diese Schätze gilt es jetzt – in der Zeit, wo wir aus Glauben leben – zu heben. Wenn wir vom Glauben ins Schauen übergegangen sind, werden wir im Glauben nicht mehr wachsen können.


Hans-Werner Deppe ist Autor und Verleger des Betanien Verlags.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#2 Glaube« (1/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist leider vergriffen. Die Ausgabe ist jedoch online hier kostenlos nachzulesen.

Titelbild von Ben White.

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