»Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob es einen Verständigen gibt, einen, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen Einzigen!« —Psalm 14,2-3

Wir haben uns heute an eine oberflächliche und kraftlose Verkündigung gewöhnt. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn wir als regelmäßige Gottesdienstbesucher völlig unbeeindruckt von den Sonntagspredigten beharrlich in unserem alten Trott leben. Zu dieser verwässerten Verkündigung gehört zweifellos ein Menschenbild, das nicht aus dem Wort Gottes, sondern aus menschlichen Überlegungen hervorgeht. Philosophische Überlegungen über das menschliche Wesen können irreführend sein, wenn sie ihre Begründung nicht unmittelbar im Wort Gottes finden. Das wahre Menschenbild hält uns die Bibel allerdings wie einen Spiegel vor Augen.

Schon auf den ersten Seiten der Bibel finden wir eine klare Aussage über die Natur des Menschen: »Und der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen auf Erden groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag« (1.Mose 6,5). Seit dem Sündenfall ist der Mensch von Grund auf sündig. Dieses harte Urteil Gottes über das Wesen des Menschen wird in der Bibel mehrfach bekräftigt. Dazu zählt auch der diesem Artikel zugrunde liegende Bibeltext aus Psalm 14,2-3. Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Verse in Römer 3,10-12 zitiert.

Psalm 14,2 zeigt, dass Gott den Erdkreis durchforscht, um verständige Menschen zu finden, die nach ihm fragen. Er sucht nicht reiche, berühmte oder gelehrte Leute. Sie können mit allem, was sie zu bieten haben, den Anforderungen des großen Schöpfers nicht gerecht werden. Gott forscht nach Menschen, die zumindest soweit verständig sind, ihren Zustand, ihre Pflicht, ihre Bestimmung und ihr Glück in der Beziehung zu ihm zu erkennen. Er sucht Menschen, die begierig sind, ihn zu erkennen. Was ist das Ergebnis seiner Suche?

Sie sind alle abgewichen! Zu Beginn der Schöpfung waren die Menschen in Gottes Augen sehr gut. Zudem pflegte Gott mit den ersten Menschen eine harmonische und vertrauliche Gemeinschaft. Durch den Sündenfall sind die Menschen allerdings »von der eingeschlagenen Richtung abgebogen« in die Entfremdung von Gott. An die Gläubigen in Rom schrieb Paulus über die Gottlosigkeit der Menschen: »Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert« (Römer 1,21). Von Natur aus kehrt der Mensch Gott willentlich den Rücken zu.

Sie sind allesamt verdorben! Verdorben ist vor allem das Herz als Kern des menschlichen Wesens. »Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?« (Jeremia 17,9). Außerdem ist das Herz der Ausgangspunkt jeglicher Sünde. »Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen« (Matthäus 15,19). Durch verwerfliche Worte und Taten verschafft sich die innere Verderbtheit lediglich Luft in der sichtbaren Welt. Alle Bereiche des menschlichen Wesens sind somit von der Fäulnis der Sünde erfasst. In Römer 3,13-18 zeigt Paulus anhand von alttestamentlichen Aussagen das Ausmaß der Verdorbenheit: Von fehlender Gottesfurcht über verwerflichen Sprachgebrauch bis zum mörderischen Verhalten erstreckt sich die moralische Fäulnis, die sowohl den einzelnen Menschen als auch das menschliche Miteinander zersetzt.

Die Sündhaftigkeit des Menschen wird von John Calvin wie folgt beschrieben: »Die Wahrheit aber, die kein Anlauf erschüttern kann, soll uns ohne Zweifel stehen bleiben. Der Menschengeist ist von Gottes Gerechtigkeit so vollständig abgekommen, dass all sein Wollen, Begehren und Tun nur gottlos, verrucht, befleckt, unrein und lästerlich ist; sein Herz ist dermaßen vom Gift der Sünde durchdrungen, dass es nur noch verweslichen Gestank von sich geben kann. Und wenn auch zuweilen ein Schein des Guten sichtbar wird, so bleibt doch das »Gemüt« mit Heuchelei und Trug umhüllt, und der Geist liegt innerlich in den Fesseln der Verderbnis.«

Es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen Einzigen! Diese göttliche Feststellung wirft folgende Frage auf: Was ist mit den Menschen, die sich vor allem im sozialen Bereich ehrenamtlich einsetzen? Will Gott ihre ›guten Werke‹ nicht anerkennen? Sind ihre ›guten Werke‹ vor ihm untauglich? An dieser Stelle muss grundsätzlich festgehalten werden: »der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an« (1.Samuel 16,22). Gott sieht die wahren Beweggründe aller Werke und beurteilt sie danach.

Gibt es nun unter den Menschenkindern einen Verständigen oder einen, der nach Gott fragt? Mit dem Vers 3 wird diese Frage unmissverständlich beantwortet: Es gibt unter den Menschenkindern keinen Verständigen und keinen, der nach Gott fragt. »Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen Einzigen!«

Zudem ist der unerlöste Mensch geistlich tot durch seine Übertretungen und Sünden (vgl. Epheser 2,1). Diese Wahrheit muss nüchtern durchdacht werden. Einer physischen Leiche vermögen tausend Befehle nicht zu einer einzigen Regung zu bewegen. Stumm und regungslos bleibt sie in ihrem starren Zustand, weil sie leblos ist. Ähnlich verhält es sich mit einem geistlich toten Menschen. Aufforderungen zu geistlichen Entscheidungen und Handlungen bleiben ohne Erfolg. Der geistlich Tote muss zunächst zum geistlichen Leben erweckt werden. Gott muss ihm geistliches Leben geben und dann erst kann er geistlich entscheiden und geistlich handeln. Bei der Errettung kommt es folglich nicht auf die Entscheidung des Menschen, sondern auf den souveränen heilsbringenden Akt Gottes an. Jesus sagte daher eindeutig: »Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater zieht, der mich gesandt hat« (Johannes 6,44).

Peter Masters hat den geistlich toten Menschen mit einem Hund verglichen. Man kann den Hund auffordern, die schönen Blumen und Bäume am Wegesrand zu bewundern. Der Hund wird dieser Aufforderung nicht folgen, sondern sein Vergnügen möglicherweise am Kot anderer Hunde haben. Es entspricht nicht seinem Wesen, die Natur zu bewundern. So hat auch der geistlich Tote keine Freude an geistlichen Dingen. Er zieht es vor, bewusst in Sünden zu leben; es sei denn, Gott erweckt ihn zum geistlichen Leben. Wenn Gott einen Menschen zum ewigen Leben erweckt, dann ist es ausschließlich auf seine souveräne Gnade zurückzuführen.

Zu den verbreiteten Irrtümern in Bezug auf das menschliche Wesen zählt sicherlich die Lehre vom freien Willen. Diese Lehre wird weder in der Bibel explizit erwähnt noch kann sie aus dem Menschenbild der Bibel abgeleitet werden. Denn der Wille ist wie alle anderen Aspekte des menschlichen Wesens von der Sünde durchsetzt. Der unerlöste Mensch ist hinsichtlich seines Denkens und Wollens ein Knecht der Sünde. Jesus brachte es deutlich auf den Punkt, als er sagte: »Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht« (Johannes 8,34). Die Befreiung von der Knechtschaft der Sünde kann allein Jesus herbeiführen, was auch in Johannes 8,36 betont wird: »Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.«

Mit ausdrucksvollen Worten wandte sich damals Georg Whitefield an seine Zuhörerschaft: »Kommt ihr toten, christuslosen, unbekehrten Leute! Kommt und seht den toten Lazerus … sein toter, gebundener, übelriechender Leichnam ist nur ein schwarzes Abbild deiner Seele in ihrem natürlichen Stand … Du bist an Händen und Füßen gebunden mit Verderbnis … und du bist unfähig, dich aus diesem ekelerregenden Stand des Todes zu erheben … du magst dich der Kraft deines eingebildeten freien Willens rühmen, der Energie moralischer Überzeugung und rationaler Argumente … aber alle deine Anstrengungen erweisen sich als fruchtlos, nutzlos, bis dieser gleiche Jesus, der befahl: ›Rollt den Stein weg!‹, und der rief: ›Lazerus, komm heraus!‹, mit seiner mächtigen Stärke kommt, den Stein des Unglaubens wegwälzt, zu deiner toten Seele spricht, dich von den Fesseln der Sünde und Verderbnis losbindet und dich durch das Wirken des Geistes Gottes befähigt, aufzustehen und zu wandeln …«


#3 Sünde

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Waldemar Dirksen (*1982) ist als Lehrer an einem Berufskolleg in Bonn tätig. Als Mitbegründer von ›Timotheus‹ gehört er zu den Herausgebern und regelmäßigen Autoren des Magazins.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#3 Sünde« (02/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist leider ausverkauft, kann aber über die Infoseite kostenlos online gelesen werden.

Titelbild von Death to Stock.