In reformierten und reformatorischen Gemeinden gibt es selten Laienprediger. Dieses Konzept ist heute eher noch in Brüdergemeinden geläufig. Ist es überhaupt legitim sich als Laie auch als Diener am Wort zu betätigen? Ein Essay zu einem Thema, das auch in der reformatorischen Community wieder bedacht werden sollte.

Ich komme aus einem russlanddeutschen Gemeindekontext. Das ist die Art von Brüdergemeinde, die in vielen Bibelschulen eine Art trojanisches Pferd für Irrlehren sieht* (bitte Anmerkung am Textende lesen). Das Priestertum aller Gläubigen wird hier jedoch groß geschrieben. Mennonitische und baptistische Brüdergemeinden mit russlanddeutschen Hintergrund sind oft auch nach 40 Jahren in Deutschland  stark vom Gemeindekonzept aus Russland geprägt. Oft waren diese Gemeinden im kommunistischen Regime Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt. Pastoren wurden häufig verhaftet, sodass die Gemeinden sich nicht auf einzelne Personen fokussieren konnten. Dann musste eben der nächste Bruder ran. Das war Teil des Überlebenskonzepts. Nicht selten sind Pastoren und Prediger in diesen Gemeinden Laien und auf der Predigerliste stehen auch schon mal 20 Brüder. Diese Praxis, die geistliche Erfahrungen und Frömmigkeit in den Vordergrund stellt, ist stark vom Pietismus beeinflusst. In Russland besaßen Christen wenn überhaupt eine Bibel, an weitere Möglichkeiten der christlichen Bildung durch Bücher oder gar Bibelschulen war überhaupt nicht zu denken. So spielen hier eine sauber ausgearbeitete, bekenntnisorientierte Theologie und Lehre und somit auch Auslegungspredigten eine eher untergeordnete Rolle.

Als ich von den Gnadenlehren hörte und sie mit der Zeit immer fester umarmte, merkte ich natürlich, dass im reformierten Christentum ein ganz anderer Wind weht. Pastoren die predigen wollen gehen in diesen Gemeinden oft einen jahrelangen Prozess bis hin zur Ordination durch. Ein Studium der Theologie ist dabei Pflicht. Daher gibt es in reformierten Gemeinden oft nur eine sehr begrenzte Zahl an Predigern und Pastoren.

Ich bin von ganzem Herzen reformiert. Die Gnadenlehren sind mein Sauerstoff. Sie sind für mein Verständnis vom Evangelium unabdingbar. Für das allgemeine Priestertum der Gläubigen, wie sie in vielen Brüdergemeinden praktiziert wird, habe ich dennoch Sympathien. Die vier Gründer dieses Magazins verfügen alle über kein Theologiestudium und sind dennoch in ihren Gemeinden als Prediger tätig. Für keinen von uns wäre in einer traditionellen, reformierten Gemeinde die Möglichkeit gegeben ohne Studium zu predigen. Natürlich merke ich auch, dass unser Magazin aus der ein oder anderen Ecke der reformierten Szene mit Skepsis begutachtet wird. Laien? Reformiert? Was soll das sein? Ist das Glaubwürdig? Wir laden viele studierte Theologen ein für uns zu schreiben, aber wir legen keinen Wert auf große Namen oder Titel. Wichtig ist für uns die Fähigkeit, geistliche Wahrheit treffend und integer zu vermitteln.

Wir laden viele studierte Theologen ein für uns zu schreiben, aber wir legen keinen Wert auf große Namen oder Titel.

Das Neue Testament gibt uns keinen einzigen Anhaltspunkt, dass ein Theologiestudium an einer Bibelschule oder Uni mit Abschluss nötig sei. Das Wort Gottes legt den Fokus auf ganz andere Dinge. Gewiss birgt das »pietistische« Modell – wie oben erwähnt – viele sehr ernst zu nehmende Gefahren. Zum Beispiel gibt es leider viele Prediger, die schlicht unfähig sind und sich auch autodidaktisch nicht bilden. Das kann langfristig zu fatalen Fehlentwicklungen führen. Persönliche Erfahrungen und sogar »Eingebungen« werden hier oftmals einer gut ausgearbeiteten Auslegungspredigt vorgezogen. Doch es gibt auch andere Laien. Reformierte Laien, die autodidaktisch sehr wohl gebildet sind und ganz nach dem reformierten »sola Scriptura« handeln.

Charles-Spurgeon

Spurgeon – der wohl bekannteste reformatorische »Laienprediger«.

Spurgeon, der wohl bekannteste Prediger der Neuzeit, hat selbst keine Bibelschule besucht. Auch einer seiner Lieblingsautoren, John Bunyan, war kein gelernter Theologe, sondern ein einfacher Handwerker. Sein geistliches Erbe in Form des Buches »Die Pilgerreise« strahlt bis heute, weit über christliche Grenzen hinaus. Auch ein C. S. Lewis oder ein G. K. Chesterton haben nie Theologie studiert. Wir wollen uns mit keinem der Genannten vergleichen, was fatal und total vermessen wäre, doch für diesen autodidaktischen Ansatz hege ich große Sympathien. Er scheint mir sehr nah am Evangelium zu sein. Das bedeutet nicht, dass Laien nicht studieren müssen. Laien müssen und sollten genauso lange, harte Stunden mit der Bibel, im Gebet und weiterführender geistlicher Literatur verbringen. Spurgeon – der Laie – hatte mit über 12.000 Büchern eine der größten Privatbibliotheken Englands. Laie zu sein heißt nicht dumm oder unwissend zu sein, ganz im Gegenteil. Weil der »Druck« durch die Institution, Gemeinde oder bestimmte Studienpläne nicht gegeben ist, muss die Selbstmotivation umso stärker ausgeprägt sein.

Jeder echte Christ ist Theologe, denn jeder Christ beschäftigt sich mit Gott und trifft aufgrund dieser Beschäftigung Aussagen. Doch ich bin auch der festen Überzeugung, dass man als Laie ein Prediger, Pastor und Autor sein kann und sogar sein sollte. Der Grund ist ganz einfach: Das Wort Gottes setzt hier gänzlich andere Maßstäbe als wir. Hans-Werner Deppe schreibt in seinem Buch »Sind Sie auch katholisch?« (1. Auflage 2011, S. 102):

Nirgends im Neuen Testament lesen wir von einer Unterscheidung zwischen Laien- und Priestertum oder irgendeiner Hierarchie von Gläubigen. Die Unterschiede zwischen den Gläubigen bestehen in verschiedenen Gaben und Aufgaben (siehe Röm 12; 1Kor 12). In der Gemeinde gibt es als besondere Aufgaben die Ältesten (griechisch »presbyteros«, daher stammt das deutsche Wort »Priester«). Die Ältesten werden auch »Aufseher« genannt (Tit 1,6-7; »episkopos«, daher der Ausdruck »Bischof«). Von Ältesten bzw. Aufsehern gab es in den Gemeinde jeweils mehrere. Darüber hinaus gab es die »Diener« (»Diakone«, z. B. 1Tim 3,8).

Die ersten Apostel waren allesamt Laien und alles andere als Akademiker. Auch Paulus erhielt seine außerordentliche, apostolische Befähigung sicher nicht durch das Studium der Theologie, dass er vor seiner Bekehrung absolvierte (eher im Gegenteil). Und nicht nur das. Die Kirchengeschichte hat uns gezeigt, dass Gott Laien wie dich und mich – einfache Männer und Frauen ohne theologisches Studium – auf außerordentliche Weise gebrauchen kann. Die Befähigung und Berufung durch Gott ist entscheidend. Dadurch wird Gott groß. Doch Laien und Profis stehen hier nicht in Konkurrenz. Beide ziehen im Reich Gottes an einem Strang. Es gibt Menschen, die für das eine oder das andere bestimmt sind. Es muss beides geben. Doch ich plädiere sehr dafür, Laien nicht voreilig abzustufen und als unfähig oder weniger wichtig für das Reich Gottes zu erklären.

Die Befähigung und Berufung durch Gott ist entscheidend. Dadurch wird Gott groß. Doch Laien und Profis stehen hier nicht in Konkurrenz.

In der säkularen Welt gab es absolute Meister auf ihren Gebieten, ohne eine akademische Bildung in diesen genossen zu haben. Dazu gehören Pioniere und Wegbereiter, wie z. B. Abraham Lincoln, Steve Jobs, Vincent van Gogh, Walt Disney oder Ernest Hemingway. Wie viel mehr kann Gott sich durch Menschen auf großartige Weise verherrlichen, wenn er Menschen ohne akademische Bildung auf außerordentliche Weise befähigt. Spurgeon und Bunyan sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Luther setzte das allgemeine Priestertum der Gläubigen im Zuge der Reformation neu auf die Landkarte der Kirchengeschichte. Es ist eine Errungenschaft der Reformation, dass jeder wiedergeborene Mensch als zum Dienst geweiht angesehen wird und nicht als »minderwertiger« oder unfähiger gegenüber einem »geweihten Priester« eingestuft wird. Auch wenn nicht jeder die Begabung zum predigen oder schreiben hat. Leider ist diese Lehre zumindest in der Praxis in den meisten reformierten Kirchen verloren gegangen. Erst im späteren, reformierten Pietismus wurde diese Idee wieder aufgegriffen und praktisch umgesetzt. Dabei soll mein Plädoyer nicht von Lehre und qualifizierten Lehrern ablenken. Jeder Prediger muss ein eifriger und fähiger Student der Heiligen Schrift sein. Seine Lehre muss gesund, biblisch und begründet sein. Er muss von Gott zu diesem Dienst befähigt und berufen sein. Egal ob er einen Master of Divinity hat oder unter der Woche am Fließband steht. In jedem Fall aber muss die Bildung eine wesentliche Rolle einnehmen. Heute mehr denn je. Doch sie ist nicht entscheidend.

Andreas Münch brachte mich in dieser Frage auf einen Abschnitt im »Baptistischen Glaubensbekenntnis von 1689«, in dem es im Kapitel 26 (Abschnitt 11) ganz treffend heißt:

»Obwohl die Aufseher oder Pastoren der Gemeinden auf Grund ihres Amtes dringend dazu verpflichtet sind, das Wort zu verkünden, ist das Predigen des Wortes dennoch nicht auf sie allein beschränkt. Andere, die ebenfalls vom Heiligen Geist dafür begabt und befähigt sind und von der Gemeinde anerkannt und dazu berufen wurden, dürfen und sollen ebenfalls predigen.«

Dabei beziehen sich die Autoren des Bekenntnisses auf Apostelgeschichte 11, 19-21 und 1. Petrus 4, 10-11. Soli Deo Gloria.

*Es sollen hier keine »Gemeindemodelle« gegeneinander ausgespielt werden. Sicher haben verschiedene Ansätze und Strukturen ihre Vor- und Nachteile. Dieses Essay soll absolut kein Plädoyer für Brüdergemeinden und gegen traditionell, reformierte Gemeinden (z. B: Presbyterianer etc.) sein. Tendenziell sehe ich persönlich sogar mehr Nachteile im (russlanddeutschen,) brüdergemeindlichen Modell (häufige Probleme: mangelnde theologische Bildung (didaktisch & autodidaktisch), Gesetzlichkeit, Traditionalismus, Erfahrungstheologie, Separatismus etc.). Den Aspekt des praktisch ausgelebten, allgemeinen Priestertums wollte ich hier jedoch als positiv herausstellen.


Peter Voth (*1986) gehört zur Redaktion von Timotheus. Peter auf Twitter: @petervoth.

Dieser Beitrag wurde exklusiv für Timotheus Online verfasst.

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