»Er hat auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, mit ihm lebendig gemacht, indem er euch alle Übertretungen vergab; und er hat die gegen uns gerichtete Schuldschrift ausgelöscht, die durch Satzungen uns entgegenstand, und hat sie aus dem Weg geschafft, indem er sie ans Kreuz heftete. Als er so die Herrschaften und Gewalten entwaffnet hatte, stellte er sie öffentlich an dem Pranger und triumphierte über sie an demselben.«

Kolosser 2,13-15

Das Kreuz ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wann immer wir über das Kreuz nachdenken, darüber sprechen oder singen, tun wir das aus dem Bewusstsein heraus, dass an diesem blutbeflecktem Stamm ein großer Sieg errungen wurde. Doch warum mußte dieser Sieg erbracht werden? Wer wurde bezwungen? Und was bewirkte der Sieg?

Paulus beschreibt in diesem Abschnitt zwei verschiedene Aspekte des Heils, nämlich die Vergebung der Sünde und den Triumph über die Gewalten und Mächte. Zur Illustration für unseren durch Übertretungen toten Zustand und unsere Belebung verwendet er die damals vorherrschenden Bräuche eines Schuldenerlasses. Der Schuldschein ist ein Dokument, auf dem die Schulden handschriftlich protokolliert wurden und der jederzeit als Druckmittel und Erinnerung für nicht beglichene Schulden verwendetet werden konnte. Die darauf verzeichneten Verschuldungen beschreibt Paulus dabei als Satzungen, die gegen uns gerichtet waren. »Mit den Satzungen, die gegen uns gerichtet waren, kann aber kaum das Gesetz selbst gemeint sein, da Paulus dieses als heilig und gut bezeichnet (Römer 7,12); dies muss sich vielmehr auf das gebrochene Gesetz beziehen, das deshalb mit seinem Urteil gegen uns stand.«(John Stott, Das Kreuz, Seite 300) So schreibt Paulus auch im Galaterbrief, dass wir »unter dem Gesetz verwahrt wurden« (Galater 3,23) und dass es »unser Zuchtmeister geworden ist auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden« (Galater 3,24).

Das heilige und gute Gesetz war also in Form eines Schuldscheins gegen uns gerichtet, bis Christus ihn »ausgelöscht« hat, indem er ihn »wegschaffte« und ihn dann »ans Kreuz heftete«. Markant ist dabei, dass die Verschuldung von den damals gekreuzigten Verbrechern an ihr Kreuz genagelt wurde, um zu verdeutlichen, weshalb sie sterben mussten. Und so hat auch Christus »wegen unserer Übertretungen Strafe getroffen« (Jesaja 53,8) und er »hat sich unter die Übeltäter gezählt und die Sünden vieler getragen« (Jesaja 53,12), indem er sich selbst als Schuldopfer gab und die »Schuldschrift ans Kreuz heftete«.

Sühnung für unsere Sünden

Eine zentrale Rolle dabei spielt der Gedanke der Sühnung. Wenn wir im Alltag von Sühnung sprechen, dann reden wir von »Beschwichtigung« oder »Genugtuung«, um eine Ungerechtigkeit wieder gut zu machen. Doch was hat Jesus Christus gesühnt?

Im Kolosserbrief schreibt Paulus, dass wir uns der Sünde entgegenstellen sollen, indem wir »unsere Glieder, die auf Erden sind, töten …, denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams; unter ihnen seid auch ihr einst gewandelt« (Kolosser 3,5-7). Die Söhne des Ungehorsams offenbaren sich durch die Übertretung des Gesetzes Gottes und entfachen so den Zorn Gottes. Die heilige Schrift sagt uns vielfach, dass die Heiligkeit Gottes unvereinbar ist mit Sünde. Und so wie seine Heiligkeit die Sünde aufdeckt, so stellt sich sein Zorn ihr entgegen. Sünde erregt Gottes Zorn. Dabei sollten wir uns aber nicht von Paralellen zum menschlichen Zorn blenden lassen. »Zwischen dem Zorn Gottes und unserem Zorn liegen Welten. Das, was unseren Zorn hervorruft (verletzte Eitelkeit) ruft niemals seinen hervor; das, was seinen Zorn hervorruft (das Böse) ruft nur selten unseren hervor.« (John Stott, Das Kreuz, Seite 220) Gottes Zorn ist »kein Albtraum einer wahllosen, unbeherrschten, irrationalen Wut, sondern der Zorn eines heiligen und barmherzigen Gottes, hervorgerufen durch die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit des Menschen« (C.E.B Carnfield, Romans, Band 1, Seite 111).

Das Gesetz stand in Form einer Schuldschrift gegen uns, d.h. wir haben uns gegen das Gesetz Gottes verschuldet und damit gegen ihn selbst und so seinen Zorn entfacht. Doch Gott, der Vater, hat seinen Sohn gesandt, der den Schuldschein ausgelöscht hat, indem er ihn ans Kreuz nagelte, d.h. stellvertretend den Zorn Gottes auf sich nahm und ihn so von uns abwandte. So spricht Apostel Johannes von »Jesus Christus dem Gerechten« als »die Sühnung für unsere Sünden« (1. Joh 2,1-2). Und später schreibt er weiter, dass die Liebe des Vater zu uns darin offenbart wird, indem er »seinen Sohn gesandt hat als Sühnung für unsere Sünden« (1. Joh 4,10). So tut Gott durch das Sühnewerk am Kreuz seiner heiligen Liebe genüge, »indem er in seinem [Christi] Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, hinwegtat« (Epheser 2,15) und so gleichzeitig gerecht ist und Sünder rechtfertigt (Römer 3,26).

Das Gesetz stand in Form einer Schuldschrift gegen uns, d.h. wir haben uns gegen das Gesetz Gottes verschuldet und damit gegen ihn selbst und so seinen Zorn entfacht.

Wir sind Erkaufte

Die Sprache der Erlösung geht zurück auf alttestamentliche Gesetze, die Israel dazu verpflichteten alle Erstgeburt auszulösen, weil sie Gott gehörte. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Transaktion, bei der ein Objekt den Besitzer wechselt. In diesem Sinne spricht auch das Neue Testament von unserer Erlösung und auch Paulus macht sich dieses Bild zunutze, als er die Vergebung der Sünde mit einer „beglichenen Schuld“ umschrieb. »Gott befreit uns von unserem Bankrott dadurch, dass er am Kreuz Christi unsere Schulden bezahlte. Mehr als das. Er hat nicht nur die Schulden beglichen, sondern auch das Dokument vernichtet, auf denen sie verzeichnet waren.« (John Stott, Das Kreuz, Seite 301) Er hat uns erlöst. Doch wenn wir die eindrucksvolle Bildersprache der Bibel entfalten und über die Erlösung nachdenken, dürfen wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Wenn die Schrift von einer Erlösung spricht, dann spricht sie auch von einem Erlöser, der uns durch sein Blut ausgelöst hat. Mit anderen Worten, wir sind sein Eigentum, denn er hat uns erkauft. So fragt Paulus die Korinther fassungslos: »Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt?« und ermahnt sie weiter, »dass ihr nicht euch selbst gehört … denn ihr seid teuer um einen Preis erkauft worden. Verherrlicht nun Gott mit eurem Leib.«

»Unser Leib ist nicht nur von Gott geschaffen worden und wird eines Tages von ihm auferweckt werden, sondern er ist mit dem Blut Christi erkauft worden und wird von seinem Geist bewohnt. Somit ist er gleich dreifach Gottes Eigentum, durch Schöpfung, Erlösung und Innewohnung. Wie also können wir ihn missbrauchen, da er nicht einmal uns gehört? Stattdessen sollen wir Gott damit durch Gehorsam und Selbstbeherrschung verherrlichen. Als von Christus Erkaufte kommt es uns nicht zu, die Sklaven von irgendjemand oder irgendwas anderem zu werden. Einst waren wir Sklaven der Sünde, jetzt sind wir Sklaven Christi, und der Dienst für ihn ist die wahre Freiheit.« (John Stott, Das Kreuz, Seite 232)

Unser Leib ist nicht nur von Gott geschaffen worden und wird eines Tages von ihm auferweckt werden, sondern er ist mit dem Blut Christi erkauft worden und wird von seinem Geist bewohnt.

Sieg über die Gewalten und Mächte

Der erste Aspekt des Heils, den wir betrachtet haben, beschreibt, dass wir lebendig gemacht wurden mit Christus durch die Vergebung aller unserer Übertretungen. Nun geht Paulus zum zweiten Aspekt über und zeigt auf dramatische Art und Weise wie Christus über die Gewalten und Mächte am Kreuz gesiegt hat. Dabei lesen wir, dass Gott die Mächte »öffentlich an den Prager stellte« nachdem er sie »entwaffnet« hatte, und so über sie »triumphierte«. Christus hat die bösen Mächte »entwaffnet« oder ihnen ihre »Würde und Macht« genommen und sie so erniedrigt. Anschließend »hat er sie öffentlich zur Schau gestellt und als die machtlosen Mächte bloßgestellt, die sie nun sind« (John Stott, Das Kreuz, Seite 301). Im einem Triumphzug hat er dann den Sieg über sie gehalten. Die Illustration eines Triumphzuges wurde zur Verfassungszeit des Kolosserbrief wahrscheinlich ganz anders aufgenommen als von uns heute. Die Leser sind in der Zeit des römischen Imperiums aufgewachsen und wussten, was für eine Demütigung es ist, wenn eine Siegesmacht den Verlierer öffentlich vorführt und durch die Straßen schleift, während sie selbst im prächtigen Aufgebot den Triumph feiert. Und so schreibt Paulus, dass auch Christus die Mächte entblößt und öffentlich zur Schau gestellt hat, als er über sie triumphierte. Doch »sollen wir uns buchstäblich eine kosmische Schlacht vorstellen, bei der die Mächte der Finsternis Christus am Kreuz umzingelten und angriffen und bei der er sie entwaffnete, bloßstellte und besiegte? Wenn diese aber unsichtbar war, wie es ja wohl der Fall gewesen sein muss, wie stellte Christus sie dann öffentlich zur Schau?« (John Stott, Das Kreuz, Seite 301)

»Den Schuldschein nagelte er ans Kreuz; die Mächte besiegte er durch das Kreuz. Hat nicht Christus die Mächte eben dadurch gestürzt, dass er unsere Schulden beglich?«

Wir müssen festhalten, dass Paulus beide Ereignisse (Auslöschen und Fortschaffen des Schuldscheins, sowie Entwaffnen und Besiegen der Mächte) nebeneinander aufführt und keine Trennung vollzieht. D.h. wenn der erste Aspekt bildhaft zu verstehen ist, muss das bei dem zweiten ebenso gelten. »Den Schuldschein nagelte er ans Kreuz; die Mächte besiegte er durch das Kreuz. Hat nicht Christus die Mächte eben dadurch gestürzt, dass er unsere Schulden beglich?« (John Stott, Das Kreuz, Seite 302) Dennoch geht aus dem Wort Gottes hervor, dass Christus eine Schlacht geschlagen und letztlich am Kreuz den Sieg davon getragen hat. Im Philipperbrief lesen wird, dass er »Knechtsgestalt annahm und … gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz« (Philipper 2,8). Und so wie wir von der heiligen Schrift dazu animiert werden, den guten Kampf auszutragen, so hat Christus sich dem Teufel und seinen Versuchungen entgegengestellt und dem Feind getrotzt bis zum glorreichen Ende. Als alle seine Freunde ihn verlassen hatten, rang seine betrübte Seele im Garten Gethsemane mit dem Tod. Und inmitten von Spott und Hohn traten die weltlichen Mächte von Rom und Jerusalem vereint gegen ihn auf, um ihn niederzuringen, doch er betete für seine Feinde. »Durch seine sich selbst hingebende Liebe zu anderen überwand er „das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21)« (John Stott, Das Kreuz, Seite 302) und triumphierte so am Kreuz über die »Mächte und Gewalten«. Als sie ihn scheinbar schwach und besiegt am Kreuz hängen sahen, trug er den Sieg über sie davon, denn »das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen« (1. Kor 1,2). »So wurde der Sieg Christi, der umittelbar nach dem Sündenfall vorhergesagt war und während seines öffentlichen Wirkens begonnen hatte, am Kreuz errungen und besiegelt.« (John Stott, Das Kreuz, Seite 303)


Andreas Kuhlmann (*1984) ist Mit-Gründer, Mit-Herausgeber und Autor von Timotheus.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#6 Das Kreuz« (01/2012) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist nach wie vor in unserem Shop erhältlich.

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