»Gott ist Liebe. Gott ist die Barmherzigkeit in Person. Vor Gott muss niemand Angst haben!« Würden wir diesen Aussagen zustimmen? Stimmt es tatsächlich, dass man vor Gott keine Angst haben muss?

Um eine eindeutige Antwort basierend auf dem Wort Gottes geben zu können, ist es zunächst wichtig, all unsere Vorstellungen und Klischees von Gott beiseite zu lassen. Dies gilt nicht nur in dieser Frage. Was selbstverständlich scheint, ist heute keineswegs Praxis. In unseren Köpfen herrscht oft ein Götze, ein verzerrtes Bild von dem, was der einzige, wahre und heilige Gott Israels in Wirklichkeit ist. Unsere Vorstellungen von Gott und wie wir uns Ihm gegenüber zu verhalten haben, basieren zwar meist auf der Bibel, aber eben oft nicht auf der ganzen Wahrheit der Bibel. Deshalb gilt es, unsere Sicht von Gott immer wieder zu überprüfen.

Keine einfachen Antworten

Atheisten führen oft als großes Argument gegen das Christentum tatsächlich die Gottesfurcht an. Christen würden eine Weltanschauung der Angst verbreiten. Ein System der Unterdrückung und Unterwerfung, das dem Lebensentwurf eines freien Menschen des 21. Jahrhunderts krass entgegenstünde. Natürlich weiß jeder bibelkundige Christ, dass diese Aussagen grundsätzlich falsch sind. Doch ist es tatsächlich wahr, dass Gottesfurcht niemals Angst bedeutet?

Bedeutung des biblischen »fürchten«

Für das Wort »fürchten« im Zusammenhang mit Gott (also »Gott fürchten«) wird im Alten Testament das hebräische Wort jare gebraucht. Im Neuen Testament wird es durch das griechische phobeo wiedergegeben. Beide Worte beinhalten ganz klar die Bedeutung »Angst haben«, obgleich sie neben anderen Bedeutungen auch mit »Ehrfurcht empfinden« (jare, phobeo) oder »Erschrocken sein« (phobeo) übersetzt werden können. Klar ist in jedem Fall: Die Komponente des »Angst haben« kann im biblischen Begriff der Gottesfurcht nicht einfach wegerklärt werden. Sie ist schlicht inbegriffen.

Furcht und Angst

Vielleicht ist es sinnvoll, erstmal den Unterschied zwischen Furcht und Angst auszumachen. Während Furcht ein Gefühl konkreter Bedrohung und in der Regel rational begründbar ist, drückt Angst ein Grundgefühl aus. Wir sprechen oft von Existenzangst oder der Angst vor dem Tod. Gott fürchten bedeutet auch, angesichts seiner Schöpfung, seiner Werke und Gegenwart zu erschaudern. Wenn wir anerkennen, dass Gott vollkommen souverän, über alles erhaben und mächtig ist, dann wird uns nichts anderes bleiben, als Ihn zu fürchten. Der postevangelikale Gott ist leider nur noch ein »Papa«, jemand der sich überreden lässt und mit dem man verhandeln kann. So ein Gott veranlasst keinen mehr in Furcht vor Ihn zu treten oder gar in Furcht zu erzittern.

Ein Grund Angst zu haben

Wenn wir das Wort »Angst« im Zusammenhang mit Gott verwenden, müssen wir besonders eine Eigenschaft Gottes näher betrachten: Seine Heiligkeit. Die Heiligkeit Gottes duldet keine Sünde und keine Unreinheit. Der kleinste Makel hat keinen Platz in der Gegenwart Gottes, weil er heilig ist. Weil Gott nicht nur vollkommen gerecht und die Liebe selbst, sondern auch heilig ist, wurden Adam und Eva infolge des Sündenfalls aus der Gegenwart Gottes verbannt. Ein heiliger Gott kann niemals Gemeinschaft mit Sünde haben. Unsere beste Gerechtigkeit ist vor ihm wie ein beflecktes Kleid (Jes. 64,5). Deshalb sind Sätze wie »kleine Sünden vergibt der liebe Gott sofort« nicht nur unbiblisch, sondern deuten auch die Liebe Gottes völlig falsch. Seine Liebe geschieht immer im Einklang mit seiner Heiligkeit. Ja Gottes Liebe wäre nie vollkommen und nicht göttlich, ginge sie nicht mit seiner Heiligkeit einher. Eigentlich ist das Wort »heilig« keineswegs ausreichend Gott zu beschreiben, deshalb wird er in Jesaja 6,3 gleich dreimal heilig genannt: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen«. Als Gott sich Mose in der Wüste offenbarte und ihn berief sprach er: »Zieh deine Sandalen von deinen Füßen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden!« (2. Mose 3,5). Was hat das ganze mit Angst zu tun? Ein Gott der vollkommen heilig ist, hat für einen sündigen und nicht durch Christus gerechtfertigten Menschen nur den ewigen Tod übrig. Die Bibel sagt ganz klar, dass die Konsequenz der Sünde, die Hölle sein wird. Ein Ort der äußersten Finsternis, in dem die Hoffnung längst gestorben ist. Die Bibel spricht von einem Ort, wo es nur noch »Heulen und Zähneknirschen« geben wird. Das ist nicht etwa ein Ausdruck der Gefühlskälte Gottes, sondern angesichts seiner göttlichen Liebe und Heiligkeit unbedingt notwendig. Gott ist souverän, heilig, gerecht, ein verzehrendes Feuer, jemand, der die Sünde nicht duldet. Was ist angesichts dieser Tatsachen die Konsequenz für einen Menschen, der in Sünde lebt und keine göttliche Vergebung in Anspruch genommen hat: Der ewige Tod, die Hölle.

Der von Gott getrennte Sünder wird eine Strafe bekommen, die weit furchtbarer ist als jede Todesstrafe, jede Folterung, jede Krankheit und jede erdenkliche Qual. Es gibt nichts auf dieser Erde, was den oft gebrauchten Satz »Es war die Hölle!« beschreiben könnte. Die Konsequenz der Sünde ist der ewige Tod. Manch einer wird denken: »Das ist ja prima, wenn man Tod ist, fühlt man nichts mehr!«. Doch weit gefehlt. Der ewige Tod ist mit einer Ewigkeit in der Hölle gleichbedeutend. In der Hölle werden sich die Menschen danach verzehren zu sterben, doch dies wird nicht eintreten. Nach dem Tod geht es erst richtig los, im Himmel oder in der Hölle.

Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Allein das gerecht machende Blut Jesu Christi hält Gott davon ab, die grausame Strafe für alle Menschen zu vollstrecken. Sollte man nicht Angst vor so einem Gott haben? Die Angst eines sündigen Menschen Gott gegenüber ist gerechtfertigt. Jonathan Edwards liefert für diese These eine eindrucksvolle Begründung: »Es gibt nur einen einzigen Grund, warum verdorbene Menschen auch nur einen Moment nicht in der Hölle sein müssen: nur deshalb, weil es Gott gefällt … Der Zorn Gottes ist wie ein großes Wasser, das im Moment noch durch einen Damm zurückgehalten wird. Es wird immer mehr und steigt immer höher, bis es einen Ausweg findet; und je länger der Strom aufgehalten wird, desto schneller und gewaltiger ist sein Lauf, wenn er endlich Bahn hat. Der Gott der uns über den Abgrund der Hölle hält, wie man eine Spinne oder ein lästiges Insekt über eine Flamme hält … Sein Zorn über uns brennt wie Feuer … sein Auge ist so rein, dass er unseren Anblick nicht ertragen kann … Du hast dich viel häufiger gegen ihn aufgelehnt, als sich je ein Rebell gegen seinen Fürsten aufgelehnt hat … O Sünder! Denk daran, in welch schrecklicher Gefahr du dich befindest: Es ist ein großer Ofen des Zorns, eine weite, bodenlose Grube … Du hängst an einem dünnen Faden, um den die Flamme des göttlichen Zorns züngelt.«

In der Regel hat der Mensch jedoch keine Angst vor Gott. Wie auch? Die weit verbreitete und unwürdige Karikatur, der man den Namen Gott gegeben hat, veranlasst niemanden Ehrfurcht und erst recht nicht Angst vor ihr zu empfinden. Es gibt heute verschiedene Ängste im Bezug auf das Übernatürliche. Allerdings beziehen sich die Ängste nicht direkt auf Gott. Ungewissheit (was wird nach dem Tod sein?) und Unwissenheit (falsche Vorstellungen und Lehren über Gott, z.B. in der katholischen Kirche oder Sekten) sind wohl die am weitesten verbreiteten Ängste. Gott ist aber eher selten der eigentliche Gegenstand der Angst. Wie komme ich dahin, dass ich vor Gott keine Angst haben muss?

Die Angst muss weichen

Während die Angst gegenüber einem souveränen Gott für einen gottlosen Menschen gerechtfertigt ist, wäre solch ein Verhalten für ein wiedergeborenes Kind Gottes nicht angebracht, auch wenn sie in manchen Fällen durchaus richtig ist. Der Grund warum ein Mensch keine Angst vor Gott haben muss, ist Christus allein.

In seinem Buch »Was ist das Evangelium?« schreibt Greg Gilbert: »Aber. Ich glaube, das ist das stärkste Wort, das ein Mensch sagen kann. Es ist nur ein kleines Wort, doch es hat die Macht, alles wegzuwischen, das ihm vorangegangen ist. … Das Flugzeug ist abgestürzt. Aber niemand wurde verletzt. Sie haben Krebs. Aber es ist gut zu behandeln. Ihr Sohn hatte einen Autounfall. Aber es geht ihm gut. … Gott sei Dank, dass die schlechten Nachrichten von der menschlichen Sünde und Gottes Gericht nicht das Ende der Geschichte sind. … Sie sind ein Sünder, dessen Schicksal es ist, verdammt zu werden. Aber Gott hat gehandelt, um Sünder wie Sie zu retten!«

Die Angst des verlorenen Menschen vor Gott ist richtig. Aber es muss nicht so bleiben. Allein im Namen Christi gibt es Heil, Vergebung und Erlösung. Echte Buße und die Inanspruchnahme des Blutes Jesu Christi, wird die Vergebung aller Sünden und das ewige Leben zur Folge haben. Nun gilt es, keine Angst mehr vor Gott zu haben. Anstelle von Angst tritt biblische Ehrfurcht. Anstelle der ewigen Verdammnis tritt das ewige Leben schon auf der Erde. Anstelle von Strafe tritt Belohnung. Die Strafe der Sünde ist unfassbar schrecklich, doch die wirksame und bewahrende Gnade des himmlischen Vaters wird alles überstrahlen: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach; und ich gebe ihnen ewiges Leben und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen. Ich und der Vater sind eins« (Joh 10,73-40). Welch herrliches Bild eines Hirten. Ein Vater, der darauf achtet, dass keines seiner Kinder jemals verloren gehen wird. Welche Hoffnung, welche Freude. Die Angst muss weichen.


#5 Gottesfurcht

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Peter Voth (*1986) ist freiberuflicher Grafiker. Er ist Mitgründer und Redaktionsmitglied des Timotheus Magazins.

Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe »#5 Gottesfurcht« (04/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist leider ausverkauft, kann aber über die Infoseite kostenlos online gelesen werden.