Zu der langen Linie der geistlich gesinnten Friedensstifter gehört ohne Zweifel Abigail. Doch wer war sie? In welchen Umständen handelte sie? Wodurch wurde ihr Streben nach Frieden motiviert? Eine Charakterstudie.

Abigail? Ich gebe zu, dass ich mir erst einmal wieder in Erinnerung rufen musste, wer Abigail war und wodurch sie sich auszeichnete, als ich mich für diesen Artikel vorbereitete. Wenn wir von Frauen in der Bibel reden, fällt der Name Abigail in der Tat sehr spät oder gar nicht. Dabei hat uns Abigail sehr viel zu sagen. Zugegebenermaßen finden wir keine ausführliche Biografie Abigails in der Bibel. Ihr außerordentlicher Charakter prägt jedoch das gesamte 25. Kapitel des ersten Buches Samuel. Es ist also höchste Zeit, dass wir die Frau Abigail wiederentdecken. Doch lasst uns von vorne beginnen.

Die Umstände in denen Abigail wirkte

Samuel war ein Richter Israels, der dazu bestimmt war, Saul, den ersten König Israels, einzusetzen. Nachdem Saul das Wort Gottes verworfen hatte, war es Samuel, der ihm die Nachricht überbrachte, dass Gott ihn verwarf. Daraufhin salbte Samuel den Hirten David zum Nachfolger. Doch solange Saul lebte, blieb er König und trachtete David nach dem Leben. Schließlich starb Samuel. Während sich das ganze Volk Israel versammelte, um den Tod des Richters zu beklagen, zog David mit 600 Mann in die Wüste Paran und hielt sich dort eine Zeit lang auf.

In Karmel lebte ein reicher Mann namens Nabal. Er besaß 3000 Schafe und 1000 Ziegen. So kam es, dass er nach einiger Zeit wieder seine Schafe scheren musste. David und seine Männer hatten die Herde und die Hirten Nabals beschützt, als sich diese im Gebiet Davids aufhielten. Ein Diener Nabals berichtete: »… sie sind (die Männer Davids) eine Mauer um uns gewesen bei Tag und bei Nacht, die ganze Zeit, in der wir bei ihnen die Schafe gehütet haben.« (1. Samuel 25,16). Also wollte David seinen Anteil und schickte zehn Knechte, um sich seinen Lohn von Nabal aushändigen zu lassen. Doch Nabal hatte nichts als Verachtung und Ablehnung für David übrig: »Wer ist David? Und wer ist der Sohn Isais? Heutzutage gibt es immer mehr Knechte, die ihren Herren davonlaufen!« (1. Samuel 25,10). Der reiche Nabal verweigerte offen einem Helfer seine Unterstützung und lehnte damit auch einen gesalbten Gottes ab.

Bibelausleger wie John MacArthur behaupten, dass Nabal hätte wissen müssen, um wen es sich bei dem Sohn Isais handelt: »Diese angebliche Unkenntnis über David war mit Sicherheit Heuchelei. Das Wissen um die Erwählung des jungen Königs hatte sich weit verbreitet. Nabal tat, als wüsste er nichts, um seine Widerwilligkeit zu entschuldigen, das Richtige zu tun.« Obwohl wir diese Behauptung nicht direkt aus 1. Samuel 25 herauslesen können, spricht doch vieles dafür. Die Bibel beschreibt Nabal als „hart und boshaft in seinem Tun« (1. Samuel 25,3). Zudem wissen wir, dass Nabal »Narr« heißt und dass auch Abigail von ihm als „Narren“ sprach.

So lies David jedoch nicht mit sich umgehen und befahl seinen Männern: »Jeder gürte sein Schwert um!« (1. Sam 25,13). David zog mit 400 Männern los, fest entschlossen, Nabal und seine Gefolgschaft auszulöschen. Soweit zum historischen Kontext, in den das Handeln der Abigail eingebettet ist.

Wer war sie?

Abigail war von »schöner Gestalt« und hatte »gesunden Verstand« (1. Samuel 25,3). Über die Umstände der Heirat Nabals mit Abigail ist uns nichts bekannt. Jedenfalls schien sie das genaue Gegenteil von Nabal zu sein. In diesem Wissen wandte sich wohl auch ein Knecht Nabals an Abigail, um ihr zu schildern, dass Nabal David abgelehnt hatte und dass er nun gegen Nabal hinaufzog. Der Knecht schloss mit den Worten: »So bedenke nun und sieh, was du tun kannst; denn es ist gewiss ein Unglück beschlossen über unseren Herrn und über sein ganzes Haus! Und er ist ein solcher Sohn Belials, dass ihm niemand etwas sagen kann.« (1. Samuel 25,17).

Abigail, die Friedensstifterin

Abigail sah sich nun mit folgenden Tatsachen konfrontiert: Erstens, David würde Nabal und seine Gefolgschaft gewaltsam auslöschen. Zweitens, David würde dies nicht im Recht tun. Er würde Blutschuld auf sich laden. Drittens, David würde die Autorität Gottes untergraben. Ihre Vorgehensweise in Anbetracht dieser Tatsachen ist auch heute relevant und vorbildlich in Bezug auf Frieden stiften.

Abigail kam in Demut

Sicherlich kann man nicht erwarten, dass eine Frau, die einem bewaffneten Heer von 400 Männern entgegentritt, mit großem Selbstbewusstsein auftritt. Es lässt uns nichts im Bibeltext vermuten, dass Abigail nur kam, um ihre eigene Haut zu retten. Ganz im Gegenteil: Um ihre Absicht David gegenüber deutlich zu machen, deckte sie sich mit Unmengen an Köstlichkeiten und Speisen (1. Samuel 25,18) ein und schickte ihre Knechte vor, um David sanft zu stimmen.

Als Abigail schließlich David entgegentrat, fiel sie auf ihr Angesicht (1. Samuel 25,23.24) und sprach: »Ach, Herr, auf mir sei diese Schuld, und lass doch deine Magd vor deinen Ohren reden und höre die Worte deiner Magd!« (1. Samuel 25,24).

Hier kommt deutlich die demütige Gesinnung Abigails zum Vorschein. Erstens, nimmt sie die Schuld auf sich, obwohl sie selbst keine Schuld trifft. Vielmehr hatte sich Nabal mit seinem verantwortungslosen Handeln schuldig gemacht. Zweitens bezeichnete sie sich selbst als Magd Davids. Hier müssen wir berücksichtigen, dass Abigail die Frau eines reichen Mannes war. Trotzdem war sie sich nicht zu fein, sich zu erniedrigen. In beiden Punkten erkennen wir deutlich die Christusähnlichkeit.

Abigail kam in geistlicher Gesinnung und Gottvertrauen

Der Friede, den Abigail stiften wollte, war in keiner Weise menschlich motiviert. Aus ihren weiteren Worten wird deutlich, dass Abigail mit ihrem Frieden Sünden und Unheil verhindern wollte. Die Motive Abigails waren also nicht egoistischer, geschäftlicher oder gar politisch-diplomatischer Natur. Der Wille Gottes ist hier elementar. Dies wird aus ihren Worten deutlich:

»Nun aber, mein Herr, so wahr der Herr lebt, und so wahr deine Seele lebt, der Herr hat dich daran gehindert zu kommen, um Blut zu vergießen und dir mit eigener Hand zu helfen« (1. Sam 25,26).

Mit den Worten »der Herr hat dich gehindert zu kommen« macht sie deutlich, dass es letztlich nicht ihr, sondern Gottes Handeln und Wille ist, dass David von seinem Vorhaben abgehalten werden soll. Aus dem angefügten »… um Blut zu vergießen und dir mit eigener Hand zu helfen« wird deutlich, dass Davids Rachegelüste einen Mangel an Vertrauen in die souveräne Hand Gottes zum Ausdruck bringen. Abigail hielt David davon ab, eine folgenschwere Sünde zu begehen.

Abigail wusste um Gottes Souveränität

Gott ist in keiner Weise auf den Menschen und seinen verfälschten Gerechtigkeitssinn angewiesen. Gott sorgt selbst für Gerechtigkeit. In dieser Begebenheit wird allerdings deutlich, dass Gott die geistlich gesinnte Abigail gebrauchte, um Seinen Frieden und Seine Gerechtigkeit durchzusetzen.

Abigail wusste um das Wesen Gottes, als sie zu David sprach »… denn der Herr wird gewiss meinem Herrn ein beständiges Haus bauen, weil mein Herr die Kriege des Herrn führt, …« (1. Samuel 25,28).

Schon einen Tag später schließlich, ließ Gott die Strafe über Nabal ergehen, in dem er sein Herz zu einem Stein werden ließ. Zehn Tage später starb Nabal. Damit hatte Gott seiner Gerechtigkeit Genüge getan.

Abigail gehorchte Gott mehr als Menschen

Abigail löste ein Problem, das vor allem das Leben ihres Mannes betraf, ohne ihn darüber zu unterrichten. Inwiefern ist dieses Vorgehen biblisch gerechtfertigt?

Zwei Dinge rechtfertigen das Handeln Abigails: Erstens, war ihr Mann ein »Narr« und tat nicht, was Gott gefiel. Zweitens, wusste Abigail von der Erwählung Davids und um die Konsequenzen des Fluchs Nabals über David. Es ist davon auszugehen, dass Nabal Abigails Vorhaben hätte verhindern wollen, hätte er Kenntnis darüber erlangt. Mit ihrem Handeln bezeugte Abigail, dass sie Gott mehr gehorchte als den Menschen. Dieses Prinzip hat auch heute ihre Gültigkeit (Apostelgeschichte 5,29).

David erkannte Abigails wahre Motivation

Unmittelbar nachdem Abigail ihr Anliegen vorgebracht hatte, erkannte David, welch ein Segen Abigails Auftreten war. Er erkannte ihre geistliche Gesinnung und das wahre Motiv ihres Handelns (1. Sam 25,32-35): »Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, der dich am heutigen Tag mir entgegengesandt hat! Und gesegnet sei dein Verstand, und gesegnet seist du, dass du mich heute daran gehindert hast, in Blutschuld zu geraten und mir mit eigener Hand zu helfen! Denn so wahr der Herr, der Gott Israels, lebt, der mich daran gehindert hat, dir Böses zu tun: Wenn du mir nicht so schnell entgegengekommen wärst, so wäre dem Nabal bis zum hellen Morgen nicht einer übrig geblieben … Zieh wieder in Frieden in dein Haus hinauf! Siehe ich habe auf deine Stimme gehört und deine Person angesehen.«

Obwohl wir nur sehr wenig über Abigail als Person wissen, die nach Nabals Tod von David zur Frau genommen wurde, so können wir uns heute ihr Handeln zum Vorbild nehmen, gerade in der Frage des zwischenmenschlichen Friedens. Abigail wurde von Gott gebraucht, um Frieden zu stiften. Ihre Motivation war dabei geistlich, ihre Haltung demütig und in allem war sie Gott gehorsam. Sie vertraute dabei auf einen souveränen Gott. Dieses Beispiel zeigt uns, dass geistlicher Stolz, Hochmut, Rechthaberei sowie selbstherrliche und „menschliche“ Motive nicht mit dem zwischenmenschlichen Frieden, wie die Bibel ihn lehrt, zu vereinbaren sind: Eine revolutionäre Botschaft in einer Welt des geheuchelten Friedens.


Peter Voth ist freiberuflicher Grafiker und ist bei Timotheus für redaktionelle und gestalterische Tätigkeiten zuständig.

Dieser Artikel ist erstmals in unserer Ausgabe »#4 Frieden« (03/2011) erschienen. Das Heft – mit vielen weiteren Artikeln zum Thema – ist vergriffen, kann jedoch kostenlos online gelesen werden (hier).

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